Da haben sich ja wieder mal zwei gefunden: auf der einen Seite die ComputerBild, das deutsche Magazin des Computer-Halbwissens und die TuneUp Utilities, die angeblich unverzichtbare “Tuning” und “Cleaning” Software. Auf einer der letzten Heft-DVDs wurde mit großem Tamtam eine ein Jahr lauffähige Vollversion der letzjährigen “TuneUp Utilities 2011” mitgeliefert.
Man darf vermuten, dass die Anfragen von Usern, die sich dank dieser Software-Beilage diverse Windows Einstellungen verbogen haben, dann demnächst auch wieder in den Foren und Newsgroups auftauchen werden. Aber mal abgesehen von dem Geschreibsel der CB Jubelperser, was bringt denn nun TuneUp wirklich?
Es wird versprochen, dass der PC schneller startet, alles viel sauberer ist, Platz geschaffen wird und Probleme gelöst werden, die angeblich ständig in Windows vorhanden sind. Insbesondere das Thema Geschwindigkeit scheint viele Leute dazu zu bringen, sich tatsächlich eine solche Software oder auch ein Konkurrenzprodukt zu installieren. Zeit für einen kleinen Praxistest, der – anders als bei der CB zu vermuten – definitiv nicht von TuneUp Software bezahlt oder beeinflusst wird. Es wird übrigens absichtlich die Version verwendet, die die ComputerBild unters Volk bringt und nicht die aktuelle 2012er Version.
Das Opfer ist in diesem Fall ein ziemlich vernachlässigter alter PC mit Windows XP, der hier jahrelang alle möglichen Testinstallationen von Programmen über sich ergehen lassen musste. Die Datenträgerbereinigung lief nie, Defrag nicht dass ich mich erinnern könnte und diverse installierte Software hat ihre Spuren in Registry und Autostart hinterlassen. Dazu ist die Maschine doch beim Booten arg zäh und die Hardware (Pentium 4 3 GHz, 2 GB Ram, Intel Grafik, WD 74 GB HDD) auch eher von vorgestern – läuft aber ansonsten problemlos. Keine Fehlermeldungen von Windows, keine Softwareprobleme. Sie tut ihren Dienst etwas lahm aber problemlos.
Nun wird also TuneUp installiert. Grafisch ist das alles sehr schick und sehr einsteigerfreundlich gemacht und nach der Installation begrüßt einen zugleich der Assistent der “1-Klick-Wartung” mit erschreckendem Fazit
Der Normaluser wird spätestens in dieser Sekunde erleichtert aufatmen, dass diesem hoch beeinträchtigten System jetzt Abhilfe zuteil kommen wird. Nun, noch will ich keine Wartung, sondern erst einmal Details sehen. Was ist denn nun alles genau nicht in Ordnung?
Die Registry in Windows ist eine Datenbank, in der Windows und seine Anwendungen Einstellungen ablegen. Sie wächst mit der Zeit an, da viele installierte Anwendungen bei der Deinstallation ihre Daten nicht entfernen. Dies ist erst einmal nicht schlimm, da die entsprechenden Einträge halt einfach nicht mehr ausgelesen werden. TuneUp listet aber alles mögliche an Einträgen auf und behauptet, sie seien ein Problem. Ob dem wirklich so ist, kann der Normaluser meist kaum beurteilen – er wird die Probleme einfach lösen lassen und genau so bin ich auch verfahren.
Auch die weiteren Punkte wie fehlende Verknüpfungen und Temporäre Dateien wurden wie vorgeschlagen abgearbeitet. Ein wenig Verwirrung kommt auf, wenn die Probleme beim Starten angezeigt werden.
Windows meldet angeblich im Gerätemanager, dass eine PS/2 Maus nicht funktionieren würde. Es erfolgt der Hinweis auf die Problembehebung…nur findet sich im Gerätemanager keine PS/2 Maus. Es findet sich auch überhaupt gar kein Gerät, was nicht ordnungsgemäß funktioniert. Auch in den Ereignisprotokollen findet sich nichts, was auf einen solchen Fehler hin deutet.
Nun gibt es einige Hinweise, wie denn das System noch schneller und besser gemacht werden kann. Unter anderem sollen jetzt Einstellungen verändert werden, die das Beenden von Programmen und Diensten schneller machen soll. Der Hintergrund dabei ist, dass beim Klick aufs “X” oder beim Herunterfahren des PCs jedes aktive Programm den Befehl bekommt, sich zu beenden. Manche brauchen dabei länger als andere – manche warten auch beim Herunterfahren noch auf den Benutzer, so z.B. die Office Programme mit einer “Dokument speichern?” Abfrage. Wie lange Windows jedem Programm Zeit gibt, sich ordnungsgemäß zu beenden, ist festgelegt. Man kann nun diesen Wert verkürzen. Was passiert im Ernstfall? Anwendungen, die halt immer etwas länger brauchen, werden nie ordnungsgemäß beendet, sondern einfach abgebrochen. Interessant wäre es also eher, herauszufinden welches Programm warum lange zum Beenden braucht anstatt es einfach schneller abzuwürgen. TuneUp leistet dies nicht.
Noch viel wichtiger als das Herunterfahren ist aber natürlich der Start. Die “1-Klick-Wartung” hat ja schon manches optimiert, und nun kann man auch noch bei den Autostart-Programmen ansetzen. Dies erscheint sinnvoll, hier dürfte man am meisten Performance herausholen können. Dies geht mit Bordmitteln oder kostenlosen Tools wie SysInternals Autoruns ganz problemlos, allerdings muss man bei diesen Programmen schon genau wissen, welche Anwendungen beim Autostart man deaktivieren kann. Die TuneUp Utilities bieten hier eine Bewertungsfunktion, die auf den ersten Blick sinnvoll wirkt, bis man sie das erste Mal ausführt.
Die Mehrzahl der Programme werden als “Optional” beurteilt, allerdings wird diese Empfehlung auch gleich wieder als nicht eindeutig eingestuft. Nur der Realtek Soundmanager wird als unbedingt benötigt eingestuft. Eine Einstufung, die zumindest diskussionswürdig ist.
Der Programm-Deaktivator bietet dann auch noch an, angeblich ressourcenfressende Programme zu deaktivieren. Ganz oben wird “Microsoft Office 2007” genannt. Deaktivieren? Damit wird doch gearbeitet. Nun ja, der Klick auf die Deaktivierung bringt nach einigem Festplattengeratter die Meldung, dass es dem Computer jetzt soundsoviele Punkte besser gehen würde.
Der Disk Space Explorer von den TuneUp Utilities durchsucht die Platte nach großen Dateien und zeigt die Verteilung an. Also quasi das, was das Freeware Tool WinDirStat macht. Empfehlungen gibt es hier nicht. Nachdem die Temporären Dateien schon beim ersten Lauf des 1-Klick-Wartungstasks gelöscht worden waren, bietet die Festplattenreinigung von TuneUp nur noch das Löschen des Caches von IE und Firefox an. Könnte man auch im Browser direkt mit einem Klick machen.
Nachdem nun über eine Stunde mit dem Programm herumoptimiert, gecleant, getunt und alles nach Herstellervorgaben verbessert wurde, gehts um die Wurst: was wurde jetzt wirklich messbar besser?
| Vorher | Nachher | Erfolg | |
|---|---|---|---|
| Systemstart | 1:20 | 1:20 | keiner |
| Registry (System) | 4.608 kB | 4.608 kB | keiner |
| Registry (Software) | 39.168 kB | 38.288 kB | fast keiner |
| Festplatte frei | 44,9 GB | 44,8 GB | im Gegenteil |
Der ganze Aufwand hat letztlich und endlich nur dazu geführt, dass durch TuneUp selber und dessen Backups die Festplatte etwas voller wurde. Es gab trotz diversen angeblichen Optimierungen keinen messbaren Erfolg. Die Verkleinerung der Registry um ein paar kB kann man an sich auch nicht als Erfolg verbuchen, denn weder sind diese geringen Datenmengen auf der Festplatte relevant, noch hat man auch nur irgendeinen Performancezuwachs dadurch, dass die Registry kleiner ist. Selbst eine Registry, die durch TuneUp um die Hälfte geschrumpft werden konnte, führt nicht zu einem schnelleren System.
Im Gegenteil laufen seit TuneUp zwei zusätzliche Dienste im Hintergrund mit, die rund 21 MB Arbeitsspeicher fressen. Auf knapper bemessenen Systemen möglicherweise gerade der fehlende Speicher für ein zügiges Arbeiten.
Das Fazit: alle sinnvollen Funktionen, die die TuneUp Utilities mitbringen, lassen sich mit Windows Bordmitteln oder zwei drei Freeware-Tools ebenfalls erreichen. Dann allerdings ohne die Installation zusätzlicher Dienste und die Gefahr sinnloser bis gefährlicher Tipps. Das System wird durch die Installation zusätzlicher Software definitiv nicht schneller! Die Windows Datenträgerbereinigung und das integrierte Defrag sorgen stattdessen für eine Bereinigung (Defrag seit Vista sogar automatisch im Hintergrund) ohne Nebenwirkungen.
Vermutlich wird aber die gute Werbung der “Tuning” Software Hersteller und das Image von Windows als “verschmutzendes” System weiterhin dafür sorgen, dass sich Massen von Leuten unnötigerweise stundenlang mit dem “Aufräumen” ihres Windows Systems befassen und Herstellern wie dem der TuneUp Utilities Geld in den Rachen werfen – unterstützt von kritiklosen “Tests” in Magazinen wie ComputerBild.
Am Ende bleibt nur eines: immer wieder über die Unsinnigkeit solcher Software aufzuklären.