Microsoft Lizenzen aus dem Supermarkt?

Aktuell wird in den Medien berichtet, dass die Supermarktkette
EDEKA Lizenzen für verschiedene Microsoft Produkte anbietet, beispielsweise für
verschiedene Windows- oder Office-Versionen. Man kauft bei EDEKA eine Guthabenkarte, die man dann beim Online-Händler Lizengo einlösen kann. Dieser stellt einem dann einen Key und den Download der Software bereit.
 
Die Preise dieser Angebote bewegen sich deutlich unter den normalen Preisen, die Microsoft selber oder viele andere Händler für Lizenzen
der Produkte aufrufen, allerdings leicht über den Preisen dubioser Key-Anbieter
im Internet.

Berichtet hatten über diese Lizenzen unter anderem die Zeitschrift c’t auf ihrer Webseite als auch Martin „Dr. Windows“ Geuß . In beiden Fällen ist man eher zurückhaltend, was die Beurteilung der Legalität der verkauften Produkte angeht.

Bei Heise weist man deutlich drauf hin, den Kassenbon aufzubewahren, um zumindest den Kauf nachweisen zu können und ggfs. gegenüber EDEKA oder Lizengo einen plötzlich nicht mehr funktionierenden Key reklamieren zu können.
Martin Geuß rät deutlich davon ab, einen solchen Key zu kaufen.

Der Händler Lizengo schreibt auf seiner Webseite über die Preise „Wir kaufen bei vielen Distributoren hohe Stückzahlen von neuen Produktschlüsseln auf, welche nicht verwendet oder installiert wurden.“ Gegenüber c’t teilte man wohl auch mit, dass es sich um Überbestände von Microsoft Kunden handeln würde.

Ein seltsamer Beigeschmack verbleibt dabei auf jeden Fall. So verkauft Lizengo u.a. auch Softwarepakete, die man gar nicht einzeln ohne einen entsprechenden Volumenlizenzvertrag bekommt. Ein Office ProPlus oder ein Exchange 2019 bekommt man schlicht nicht einzeln als normaler Kunde.

Die Quelle der Keys bleibt zudem im Dunklen. Es handelt sich immerhin um digitale Waren. Es gibt keinen Grund, sich so etwas als Distributor „aufs Lager“ zu legen und auch Firmen kaufen nicht mal eben ein paar tausend Windows 10 Home Lizenzen auf Vorrat, um sie dann nachher mit großem Verlust an einen Online-Händler abzugeben.

Es handelt sich zudem nicht um alte Produkte wie Windows 7, sondern um aktuelle
Produkte. Und dass so viele IT-Distributoren in die Insolvenz geschliddert
wären, deren Lagerbestände hier verkauft werden könnten, ist ebenfalls nicht
der Fall.

Die Herkunft der Keys bleibt somit unklar. Die angeblich zu viel gekauften Produkte sind als Quelle allerdings nicht glaubwürdig. Wer sich
solch einen Key zulegt, muss davon ausgehen, dass dieser früher oder später
nicht mehr funktioniert. Ansprechpartner ist dann EDEKA, die sicherlich direkt
auf Lizengo verweisen würden.

Und am Ende kommt natürlich auch noch dazu, dass ein Product-Key
alleine nicht unbedingt eine Lizenz darstellt. Im Ernstfall besitzt man einen
Key, aber hat damit trotzdem nicht das Nutzungsrecht an der Software erworben.

Insofern kann von dem Kauf solcher verdächtig billiger Keys
schlicht nur abgeraten werden.

Eine offizielle, eindeutige Aussage von Microsoft zu der Thematik von Seiten Microsofts gibt es bisher leider nicht.

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Windows 10 braucht jetzt angeblich 32 GB Speicherplatz!

Aktuell gehen mal wieder Artikel durchs Netz, die eine völlig harmlose Änderung auf einer Microsoft Webseite als Aufhänger nehmen, um sinnlos Schlagzeilen zu generieren.

Microsoft hat eine Webseite, die sich an Hersteller von Geräten richtet, welche auf diesen Geräten dann Windows vorinstallieren wollen. Auf dieser Seite werden den Herstellern verschiedene Vorgaben gemacht, wie Hardware auszusehen hat, damit Windows darauf problemlos läuft.

https://docs.microsoft.com/en-us/windows-hardware/design/minimum/minimum-hardware-requirements-overview

Dort steht dann zum Beispiel, was eine CPU für Befehle beherrschen muss, wie viel Arbeitsspeicher ein Gerät haben muss oder wie groß der Festplattenspeicher sein muss. Und bei letzterem gab es tatsächlich eine Änderung.

Bisher hieß es, dass für die Installation von Windows 10 32-bit ein Gerät mit einem Speichermedium mit mindestens 16 GB ausgerüstet werden muss. Für ein Windows 10 64-bit wurden mindestens 32 GB genannt. Mit der Version 1903 hat man dies jetzt angepasst und gibt für 32- und 64-bit Windows die 32 GB als minimale Größe für den Gerätespeicher an.

Anmerkung 2019-04-26 153111

Was heißt das nun konkret? Eigentlich nur eines: Geräte, die mit Windows 10 Version 1903 vorinstalliert auf den Markt kommen werden, haben immer mindestens 32 GB verbauten Festspeicher – heutzutage ja meist in Form von Flash-Speicher.

Das ist alles. Mehr heißt das nicht. An den tatsächlichen Anforderungen des Systems ändert sich technisch zuerst einmal gar nichts, zumindest nicht für existierende Geräte. Windows 10 wird also auch in Version 1903 nach dem Upgrade nicht plötzlich massiv mehr Speicherplatz erfordern.

Auch heißt das nicht, dass Geräte mit nur 16 GB plötzlich von Updates abgeschnitten werden. Nur waren 16 GB Speicher für ein Windows Gerät eh schon sehr, sehr, sehr knapp und arg kostenoptimiert. Nur mit sehr viel Disziplin kann man auf solch einem Gerät ein Windows System betreiben und auch problemlos updaten und upgraden. Das wird auch weiterhin wie bisher möglich sein.

Nur für die PC-Hersteller fällt ein Punkt weg, an dem man auf Kosten der Funktionalität die Kosten des Gerätes noch um ein paar Cent drücken konnte. Also insgesamt eine für den Kunden nur positive Sache.

Auf vielen Seiten klingt es leider mal wieder anders und die Kommentare der Nutzer zeigen, dass kaum eine Seite mal richtig erklärt, an wen sich diese Systemanforderungen richten, nämlich eben nicht an den Endnutzer.

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Aus aktuellem Anlass…

Save the Internet

Das Internet ist durch Artikel 13 in Gefahr!

Es ist erschreckend, wie sich Politiker ohne Hintergrundwissen von einer Lobbygruppe der Verwertungsindustrie vor sich her treiben lassen.

Am Samstag, den 23.03.2019 finden europaweit Demonstrationen gegen die EU Urheberrechtsreform und speziell deren Artikel 11 und 13 statt. Wer die Möglichkeit hat und eine Demo in der Nähe, der sollte sich die Zeit nehmen, um gegen die Umsetzung dieses Projektes zu protestieren.
https://savetheinternet.info/

Hintergrund-Details von Sascha Lobo auf Spiegel Online:
http://spiegel.de/article.do?id=1258790

Die Europa-Wahl steht Ende Mai 2019 vor der Tür. Wählen gehen ist wichtig und notwendig. Nur wer wählt, kann etwas ändern. Und wer wählen geht, sollte sich vorher informieren, bevor man die falschen Kreuze auf dem Wahlzettel setzt:
https://pledge2019.eu/de

 

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Die Sicherheitslücke der zwei fehlenden Anführungszeichen

Zu historischen DOS Zeiten war die Länge von Dateinamen auf acht Zeichen plus drei Zeichen Erweiterung beschränkt. Auch waren keine Leerzeichen im Dateinamen erlaubt. Manche Programmierer haben es bis heute nicht verinnerlicht, dass seit Windows 95 bzw. NT4 diese Beschränkung nicht mehr gilt.

Heutzutage verwendet Windows sogar standardmäßig in diversen Pfadnamen Leerzeichen, z.B. heißt der Programme-Ordner im Dateisystem tatsächlich “Program Files”. Technisch ist dies an sich kein Problem. Es ergibt sich daraus aber eine kleine Falle.

Ebenfalls zu DOS Zeiten leitete ein Leerzeichen nach einem Dateinamen zu eventuell anzugebenden Parametern über. Das System erwartet somit eigentlich nicht, dass nach einem Leerzeichen der Name eines Ordners oder Programmes weitergeht. Um dem System dies zu sagen, ist der Pfad in Anführungszeichen einzuschließen.

“C:\Program Files\7-zip\7z.exe”
beispielsweise startet als Befehl die Kommandozeilenversion des Packers 7-zip.

C:\Program Files\7-zip\7z.exe
hingegen führt zur Fehlermeldung

Der Befehl „c:\Program“ ist entweder falsch geschrieben oder
konnte nicht gefunden werden.

Es wird also statt des Ordners “Program Files” ein Programm namens “Program” gesucht.

Rufe ich an der Kommandozeile aus einem Ordner unterhalb von “Program Files” ein Programm auf und nutze dafür die automatische Vervollständigung, baut Windows automatisch den gesamten Pfad in Anführungszeichen und ruft das Programm richtig auf.

Stelle ich jetzt im Laufwerk C:\ eine Datei namens Program.exe bereit, würde statt meines Packers 7-Zip dieses Programm aufgerufen. Nicht unbedingt das, was ich gerne möchte. Nun ist C:\ nicht von jedem Nutzer beschreibbar. Um dort hin eine Program.exe zu schreiben braucht man zumindest Adminrechte.

Allerdings taucht das Phänomen natürlich auf allen Laufwerken auf. Wer auf D:\ ein Spiel in einen Ordner “Mein Spiel” installieren würde und dieses dann mit einem Befehl ohne Anführungszeichen starten wollen würde, würde eine Mein.exe in D:\ starten – und dort könnte sie jeder Benutzer deponieren.

Nun ruft man doch eher selten Programme per Kommandozeile auf und wenn, ergänzt diese meist ja automatisch die Pfade. Allerdings gibt es eine andere Stelle, an der die Sache zum Problem werden kann: die Registry.

Windows führt viele Dienste standardmäßig mit den Rechten “Lokales System” aus. Sie laufen also mit den Berechtigungen des Systems selber – und haben damit grundsätzlich mehr Berechtigungen als z.B. ein Administrator.

So sieht das in der Liste der Dienste zum Beispiel aus:

Anmerkung 2019-03-21 190701

Die Dienste finden sich in der Registry im Zweig HKEY_LOCAL_MACHINE\SYSTEM\CurrentControlSet\Services jeweils mit einem eigenen Unterschlüssel, in dem definiert wird, ob der Dienst automatisch gestartet wird, mit welchem Benutzer er sich anmelden soll und natürlich, welches ausführbare Programm denn gestartet werden soll.

Das kann dann zum Beispiel so aussehen:

Anmerkung 2019-03-21 190748

In diesem Fall hat ASUS alles richtig gemacht. Der ASUS Dienst “asComSvc” ist zwar unterhalb von “Program Files” installiert, der Pfad wird aber sauber mit Anführungszeichen versehen. Windows startet hier also beim Laden auf jeden Fall die richtige Programmdatei.

Oft genug wird es aber falsch gemacht und der ImagePath verweist ohne Anführungszeichen auf ein Programm. Und damit wird, wie im Beispiel meiner Kommandozeile oben, dann ggfs. ein ganz anderes Programm gestartet, nämlich C:\Program.exe, so jemand diese Datei dort platziert hat.

Kopiere ich also jetzt eine notepad.exe als program.exe auf C:\ und starte das System neu, wird meine notepad.exe mit Systemrechten ausgeführt. Und das ist dann eine Sicherheitslücke, denn damit habe ich es geschafft, von Adminrechten zu Systemrechten zu kommen, einfach nur durch Kopieren einer Datei. So etwas ist eine – noch vergleichsweise harmlose – “Privilege Escalation” Lücke.

Es gibt allerdings auch Situationen, in denen die Sache weniger harmlos wird. Denn nicht immer betrifft es das Verzeichnis “Program Files” selber. Der Hersteller einer Software könnte ja auch beispielsweise “C:\Program Files\Hersteller\Meine Software\dienst.exe“ ausführen wollen. Und es gibt sogar Hersteller, die es in so einem Beispiel schaffen, unterhalb des “Hersteller” Ordners die Berechtigungen so zu setzen, dass Benutzer Schreibzugriff bekommen.
Damit hätte man dann ein massives Loch gerissen, denn dann würde ein normaler Benutzer ohne Adminrechte mit einem einfachen Kopiervorgang und einem Neustart volle Systemrechte erlangen können.

Da man solche – in diesem Fall konstruierten – Situationen nicht wirklich abschätzen kann, ist es schlichtweg notwendig, beim Laden von Diensten grundsätzlich diese auch in Anführungszeichen zu setzen.

Eher durch Zufall bin ich Ende 2018 darauf gestoßen, dass der Treiber für das Synaptics Touchpad meines Lenovo Notebooks genau für solch ein Problem anfällig ist. Das Problem wurde an Lenovo gemeldet und entsprechend von Lenovo bzw. Synaptics beseitigt. Auch wenn es in dem Fall nur die Variante war, bei dem man sich vom Administrator zu Systemrechten verhelfen konnte.

https://support.lenovo.com/de/de/product_security/len-24573

Von der Meldung bis zum Advisory bei Lenovo vergingen gute sechs Wochen. Und die aktuelle Treiberversion verwendet dann brav die Anführungszeichen in der Registry, die solch einen Unterschied machen können.

Selber scannen kann man so etwas übrigens schon über die für private Nutzung kostenlosen Home Version des Sicherheitsscanners Nessus. Mit der kommerziellen Pro Version natürlich ebenfalls…

https://www.tenable.com/products/nessus-home

Anmerkung 2019-03-21 190640

Nessus war es dann auch, der mich vor längerem mal drauf hinwies, dass eine “Sicherheitssoftware” in ihrem Installationspfad die Berechtigungen auf “Jeder, Vollzugriff” setzte und in selbigem Pfad auch die Dateien der Systemdienste des Programmes zu finden waren. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

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Tempolimit ohne Sommerloch

Normalerweise habe ich im Blog ja eher technische Themen aus Richtung IT, meist mit Thema Windows. Heute soll es mal um ein ganz anderes Thema gehen.

Das Thema “Tempolimit auf deutschen Autobahnen” war in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mal wieder ein Sommerloch-Thema. Wenn man gar nichts mehr zu schreiben hatte, brachte bestimmt irgendjemand die Thematik Tempolimit wieder ans Tageslicht – meist aus zwei verschiedenen Gründen: Sicherheit und Umweltschutz.

Schnell kochen beiderseits die Emotionen hoch und die Ablehnung des Tempolimits wird von den Befürwortern gerne mit der Situation des Waffenrechts in den USA verglichen. Eine Einschränkung der Rechte und Freiheiten von Menschen sollte immer wohl überlegt sein, egal um welche Thematik es nun geht.
Wenn man etwas einschränken will, soll dies ja positive Auswirkungen haben. Bei den Waffen wäre die gewünschte Auswirkung, dass es weniger Tote durch Schusswaffengebrauch geben sollte. Bei einem kurzen Vergleich der USA mit anderen Ländern ist die Behauptung nachvollziehbar. Überall dort, wo es ein scharfes Waffenrecht gibt, liegt die Anzahl an Verbrechen mit Schusswaffen massiv niedriger. Die Einschränkung der Menschen in der Freiheit, Waffen zu besitzen und zu tragen, dürfte in dem Fall also gerechtfertigt sein.

Aber es soll ja ums Tempolimit gehen. Und somit wäre die Frage, welche deutlichen Verbesserungen man durch solch ein Limit erwarten kann, die die Einschränkungen rechtfertigen würden.

Sicherheit

Aktuelle Zahlen zur Sicherheit auf den Straßen gibt es bei der WHO. Hier werden allerdings nicht nur Autobahnen erfasst, sondern das gesamte Straßennetz.

Ein allgemeines Tempolimit, auch auf Autobahnen, müsste sich eigentlich trotzdem insgesamt positiv bemerkbar machen. Vergleicht man mit unseren Nachbarn, insbesondere mit Ländern ähnlicher Größe, ergibt sich ein anderes Bild.

Angegeben werden Tote pro 100.000 Einwohner.

Deutschland 4,1
Frankreich 5,1
Belgien 5,8
Polen 9,7
Österreich 5,2
Tschechien 5,9
Niederlande 3,8
Schweiz 2,7
Luxemburg 6,3
Dänemark 4,0

Alle Länder um uns herum haben ein Tempolimit. Trotzdem sind die Zahlen der Verkehrstoten ist den meisten dieser Länder deutlich höher, in manchen ähnlich und nur ein einziges Land, die Schweiz, liegt deutlich darunter.

Schauen wir mal auf die konkreten Zahlen für Deutschland. Die für 2018 sind noch nicht verfügbar, aber die Zahlen für 2017 sind schon schön aufbereitet zu finden. Demnach gab es auf deutschen Autobahnen insgesamt 409 Verkehrstote. Geht es ums Tempolimit, können wir getötete LKW-Fahrer außen vor lassen und konzentrieren uns auf die PKW Fahrer. 215 Menschen sind dies, die im Pkw auf Autobahnen in Deutschland 2017 ums Leben kamen.

Es finden sich nirgendwo Informationen darüber, welche dieser Unfälle bei einem Tempo über 130 km/h stattfanden. Auch geben die Daten nicht her, welche Unfälle bei einem Tempolimit hätten vermieden oder wo die Auswirkungen verringert hätten verringert werden können.
Die Daten geben allerdings her, dass die Anzahl der getöteten Autofahrer von 1991 bis 2017 überdurchschnittlich gesunken ist. Trotz einer teils massiven Zunahme des Verkehrs.

Bei 24% der getöteten Autofahrer insgesamt stand nicht angepasste Geschwindigkeit als Grund fest. Allerdings findet sich hier keine Abstufung nach Straßentyp. Da die Unfallhäufigkeit auf Autobahnen weit geringer ist als auf z.B. Landstraßen, wird die Verteilung hier deutlich unterschiedlich sein.

“Nicht angepasste Geschwindigkeit” kann auch bedeuten, dass jemand bei Regen 100 fuhr und das eben für die Menge an Wasser auf der Straße zu schnell war. Allerdings lässt sich nicht aus den Zahlen lesen, wo “nicht angepasste Geschwindigekeit” tatsächlich hießt, dass das Tempo über 130 km/h lag und dann der Situation eben nicht angepasst war. Bleiben wir also mal bei diesen 24%.

Etwa 40% der deutschen Autobahnstrecken sind momentan schon mit einem Tempolimit versehen. Von den 215 Toten insgesamt sind also zumindest ein Teil davon auf Strecken ums Leben gekommen, auf denen bereits ein Limit herrscht.

Gehen wir zugunsten der Tempolimit-Befürworter davon aus, dass eine Autobahn ohne Tempolimit zu mehr Toten führt, sind wir bei etwa 160 Toten auf unbeschränkten Autobahnen. Allerdings lässt sich wie oben schon erwähnt immer noch nirgendwo herauslesen, wie viele dieser Toten durch ein Tempolimit (und vor allem auch dessen Einhaltung) vermieden worden wären.
Wenn man von einem Viertel ausgeht (die 24% der Toten durch “nicht angepasste Geschwindigkeit”), wäre man bei 40 Toten. Wie gesagt, da ist auch noch derjenige dabei, der bei Regen 100 fuhr. Die reale Zahl müsste also noch deutlich darunter liegen

40 Tote von insgesamt 3180 Verkehrstoten in Deutschland, die möglicherweise durch ein Tempolimit vermieden worden wären. Das wären am Ende 1,2%.

Geht man zugunsten der Tempolimit-Gegner davon aus, dass sich die Unfälle gleichmäßig über die limitierten und nicht limitierten Strecken verteilen, bleiben 129 Tote für die nicht beschränkten Strecken übrig. Auch hier nehmen wir dann wieder das knappe Viertel der Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit und kommen auf 32 Tote.

32 Tote von insgesamt 3180 Verkehrstoten in Deutschland wären dann 1%.

Und auch hier ist wieder derjenige dabei, der bei Regen mit Tempo 100 verunglückte, denn unsere Datenbasis ist ja weiterhin “nicht angepasste Geschwindigkeit”. Die realen Zahlen der Unfalltoten bei Tempo über 130 km/h liegen also auch hier sicherlich noch mal darunter.

Ich würde mal sagen: der Effekt des Tempolimits auf die Anzahl der Verkehrstoten wäre minimal. Die statistische Schwankung dürfte schon fast höher sein. Eine geringe Senkung könnte man vielleicht erhoffen. Signifikante Auswirkungen auf die Anzahl der Verkehrstoten wären durch ein allgemeines Tempolimit schlicht nicht zu erwarten.

Umwelt

Ein Auto, welches schneller fährt, braucht mehr Sprit. Damit stößt es mehr Abgase aus. Das sind relativ einfache Fakten, die wohl niemand bezweifelt.

Wie oben schon beschrieben sind etwa 60% der deutschen Autobahnen unbeschränkt. Das heißt allerdings nicht, dass man dort auch tatsächlich schneller als 130 km/h fahren kann bzw. dass die Masse der Autofahrer dies auch tut.
Dichter Verkehr, Wetterlage, persönliche Befindlichkeiten – viele Gründe führen dazu, es langsamer angehen zu lassen.

Ein Auto, welches mehr wiegt und größer ist, braucht ebenfalls mehr Sprit. Damit stößt es mehr Abgase aus. Auch das sind relativ einfache Fakten, die ebenfalls niemand bezweifeln dürfte.

Im Prinzip sagt man den Käufern sparsamer, sauberer Autos damit “haha, die Dreckschleuder neben dir darf zwar nicht mehr schneller fahren, aber das Doppelte verbrauchen!”.

Statt Größe oder Verbrauch zu limitieren oder entsprechend zu sanktionieren, versucht man es aber quasi ausschließlich übers Tempo. Es gibt somit gar keinen Ansatz zu umweltfreundlicheren Fahrzeugen. Denn nur wegen eines Tempolimits kauft ja nicht plötzlich die Masse der Menschen keine zu großen und zu schweren Fahrzeuge mit viel zu viel Leistung und Verbrauch mehr. Das Beispiel USA zeigt es immer wieder.

Würde man tatsächlich die Leute zur Verbrauchsreduktion drängen wollen, gibt es andere, weit sinnvollere Mittel dafür. Die Steuern auf Sprit wären eine Variante. Vielleicht fahren dann auch noch ein paar Leute freiwillig langsamer.

Die Luftqualität insgesamt nimmt übrigens immer mehr zu. Die Messungen von Luftschadstoffen gehen laut Umweltbundesamt seit Jahren deutlich nach unten. Ganz ohne allgemeines Tempolimit.

Ein Tempolimit würde wenig bewirken, wenn auf der anderen Seite Autos immer größer und schwerer werden und auf der anderen Seite die Luft sowieso immer besser.
Merkbare Verbesserungen der Luftqualität durch das Limit, die über die allgemeinen Verbesserungen hinaus gehen, sind damit nicht zu erwarten.

Kommt man nach Deutschland, herrscht Chaos…oder?

Gerne wird in allen möglichen Diskussionen von vielen Leuten ein Vergleich gezogen zwischen deutschen Autobahnen und dem Fahren im benachbarten oder auch ferneren Ausland. Da kommen dann Aussagen, die von der letzten Urlaubsreise berichten, bei der man außerhalb Deutschlands so schön ruhig fahren konnte, aber hier quasi im Straßenkampf gelandet sei.

Ich bin in den letzten Jahren in verschiedenen europäischen Ländern sowie in den USA und Asien teils selber gefahren, teils mit anderen Leuten mitgefahren. Das Autofahren in manchen Ländern war dabei deutlich entspannender als in Deutschland, in anderen allerdings auch deutlich nerviger.

In keinem der Länder hat dazu das Tempolimit beigetragen. Wenn es woanders angenehmer zu fahren war, dann normalerweise schlichtweg, weil dort weniger Verkehr herrschte. Sobald die Verkehrsmenge anstieg, wurde es stressiger. Exakt wie in Deutschland auch.

Da wird in den Niederlanden genauso gedrängelt wie hier, da wird in Polen genauso das Tempolimit massiv überschritten. In den USA ebenfalls. Und in Taiwan fährt man eh nach der Devise “Oh, da will jemand einscheren, ich mach mal schnell die Lücke zu!”. Vielleicht nimmt manch einer all das im Ausland als weniger stressig wahr, weil viele sich dort grad im Urlaub befinden.

Eine wenig befahrene Autobahn in Deutschland ist aber ansonsten nicht schlimmer als eine wenig befahrene Autobahn in beispielsweise Dänemark.

Persönlich

Ich fahre Audi A2. 75 PS Benziner. Aus der Generation, die noch keinen Feinstaub bei der Verbrennung produziert. Relativ leicht, relativ sparsam. Auf der Autobahn dank des geringen Gewichts und des geringen Luftwiderstandes vergleichsweise schnell. Auch bei kilometerlangen Bleifußtouren beim Verbrauch nicht über die 9 Liter/100 km zu bringen.

Normalerweise fahre ich auf längeren Strecken nicht schneller als 140. Das Auto wird laut und ich habe es privat auch selten so eilig, dass es unbedingt schneller sein muss. Allerdings gibt es Tage oder Strecken, bei denen ich mal zügiger unterwegs sein möchte.

Selbst die 130 oder 140 fahre ich allerdings viel lieber auf einer unbeschränkten Strecke. Auf einer Strecke mit Tempolimit müsste ich zusätzlich zum normalen Verkehrsgeschehen, Straßen- und Wetterverhältnissen auch immer peinlich genau aufs Tempolimit achten. Ohne Tempolimit fällt schlicht ein Punkt weg, auf den man aufpassen muss.
Fährt man zwischenzeitlich für ein paar Kilometer etwas schneller, weil es so schön bergab geht, die Strecke leer ist und trocken dazu, ist es ohne Limit kein Thema, wenn dann doch 150 km/h auf dem Tacho stehen, auch wenn man eigentlich nur 130 fahren wollte. Auf limitierten Strecken kann so etwas schnell teuer werden.

Höheres Tempo fordert zudem eine höhere Anspannung. Nimmt man ein modernes, bequemes Auto mit Tempomat und ein Tempo von nur 130 oder noch weniger auf der Autobahn, steigt bei vielen Autofahrern sicherlich die Gefahr der Unaufmerksamkeit.
Die Folgen sieht man aktuell schon bei vielen LKW-Unfällen. Wer stundenlang mit geringer Geschwindigkeit durch die Lande zockelt, schaut nebenbei TV, schneidet sich die Fußnägel oder ist sonstwie abgelenkt. Im PKW bei 180 km/h käme wohl kaum jemand auf diese Idee.

Fazit

Ich würde ein Tempolimit nicht als “Angriff auf die Freiheit” sehen. Weder ginge die Welt unter, noch das Licht aus. Wie jedes Limit und jede Einschränkung sollte es aber gut und nachvollziehbar begründet sein und entsprechende positive Auswirkungen haben, die die Einschränkungen ausgleichen.

Diese positiven Auswirkungen sehe ich bei einem allgemeinen Tempolimit auf Autobahnen nicht. Weder in Sachen Sicherheit noch in Sachen Umwelt.

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20, 40 oder 41 Megapixel? Darf’s noch etwas mehr sein?

Seit den Zeiten der ersten digitalen Kameras ist kaum etwas so sehr in den Fokus gerückt wie die Auflösung des Sensors. Was in den Anfangszeiten sinnvolle Verbesserung war, wurde irgendwann nur noch zu einem Rennen nach noch mehr Megapixeln. Ob Kompaktkamera, DSLR oder Smartphone, immer höhere Werte sollten für angeblich immer bessere Kameras stehen.

In der Welt der Smartphones gibt es allerdings noch ein paar Gründe, die tatsächlich für Sensoren mit vielen Pixeln sprechen. So kam Nokia 2012 mit der “PureView” Technik auf den Markt. Das mit dem Symbian Betriebssystem laufende Nokia 808 wurde mit einem 41 Megapixel Sensor herausgebracht. Es speichert im Normalfall aber nur Bilder mit kleinerer Megapixel-Zahl, nutzt dabei aber die große Masse an Bildinformationen des Sensors, um die Bilder zu verbessern.

Auch besitzen Smartphones keine Zoom-Optiken, wie man sie an anderen Kameras findet. Ein Zoomen findet somit immer digital statt. Bei den meisten Geräten dadurch, dass das vorhandene Bild hochgerechnet wird. Bei Geräten mit sehr hochauflösendem Sensor nimmt man stattdessen einfach nur einen Teilbereich des tatsächlich aufgenommenen Bildes – mit deutlich besseren Ergebnissen als beim digitalen Zoom.

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Aber am Ende zählt das Resultat. Und da ich die Chance habe, drei interessanteste Geräte aus dem Bereich mal testen zu können, habe ich diese natürlich genutzt.

Es treten an: das im letzten Artikel schon ausführlich beschriebene Huawei P20 Pro, das Microsoft Lumia 950 und das Nokia Lumia 1020.

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Zum Huawei selber gibt’s nicht mehr viel zu sagen. Alle Details finden sich im vorherigen Blog-Artikel. In diesem Test wurde die AI Funktion deaktiviert und als Zielformat 40 Megapixel 4:3 ausgewählt.

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Das Microsoft Lumia 950 hatte ich auch schon mal im Blog. Meiner Meinung nach ist es immer noch eine der besten Smartphone-Kameras mit Single-Optik am Markt – und damit bin ich nicht einmal alleine. Leider wurde es nie bei DxOMark mal ausführlich getestet und fehlt daher in deren Bestenliste. Ein 20 Megapixel Sensor und ein Objektiv mit f1,9 sind angesagt, an dem Zeiss mitgewirkt hat. Die erzeugten Bilder kommen im 16:9 Format mit 16 Megapixeln.

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Und das Nokia Lumia 1020 ist mit dabei. Der direkte Nachfolger des oben genannten 808 PureView hat einen ähnlichen Sensor wie dieses. 41 Megapixel sind möglich, das Objektiv ist mit f2,2 nicht ganz so lichtstark. Es kam Mitte 2013 auf den Markt. Das Gerät hier wurde damals während der Preview-Phase auf Windows 10 Mobile aktualisiert, wofür allerdings die Lumia Camera App nicht mehr zur Verfügung steht, welche alle Optionen der Kamera bot. Die eingebaute Kamera App speichert Bilder ausschließlich in 16:9 mit 33 Megapixeln.

Leider ist mit dem 1020 in der Form auch kein RAW Format bei Bildern möglich, weswegen ich mich auf JPEG Bilder beschränkt habe. Deren verlustbehaftete Kompression verschlechtert das Ergebnis natürlich – aber sie macht das ja bei allen Geräten. Insofern werden trotzdem die Unterschiede deutlich.

Eigentlich hätte ich noch mal als Vergleich ein Gerät mit deutlich weniger hochauflösendem Sensor mitnehmen sollen. Das fällt mir allerdings auch erst jetzt beim Schreiben des Artikels ein.

Schauen wir aber doch mal auf ein paar Beispielbilder…

IMG_20180927_141605 Huawei P20 Pro

WP_20180927_14_16_22_Rich Microsoft Lumia 950

WP_20180927_14_16_33_Pro Nokia Lumia 1020

Es fällt gleich mal auf, dass das Bild des 1020 ziemlich blaustichig wirkt. Das 950 zeigt sehr kräftige Farben, wirkt etwas bräunlicher als das Huawei. Aber schauen wir doch mal auf die Details, um die es bei hohen Auflösungen ja geht. Also habe ich einfach mal die Krone unter der Bahnhofsuhr vergrößert.

Bild1P20Pro Huawei P20 Pro

Bild1Lumia950 Microsoft Lumia 950

Bild1Lumia1020 Nokia Lumia 1020

Ein minimaler Unterschied zeigt sich tatsächlich. Die Details sind bei den beiden Geräten mit höherer Pixelanzahl ein klein wenig besser zu erkennen. Allerdings sind die Unterschiede halt wirklich nur minimal.

IMG_20180927_145531 Huawei P20 Pro

WP_20180927_14_56_05_Rich Microsoft Lumia 950

WP_20180927_14_55_30_Pro Nokia Lumia 1020

Auch hier zeigt das Lumia 950 wieder ein etwas ins Bräunliche gehendes Bild, während die anderen beiden Kandidaten farblich recht ähnlich liegen. Schauen wir auch hier mal wieder auf Details.

Bild2P20Pro Huawei P20 Pro

Bild2Lumia950 Microsoft Lumia 950

Bild2Lumia1020 Nokia Lumia 1020

Wenn man sich die Zaunpfähle anschaut, sind diese beim P20 Pro vergleichsweise scharf, beim Lumia 950 etwas unschärfer und beim Lumia 1020 kaum mehr zu erkennen.

IMG_20180927_150033 Huawei P20 Pro

WP_20180927_15_01_45_Rich Microsoft Lumia 950

WP_20180927_15_00_57_Pro Nokia Lumia 1020

Indirektes Gegenlicht ist so eine Situation, bei der an sich HDR angesagt wäre, um alle Details des Bildes mitzunehmen. Die Bereiche links werden ansonsten zu dunkel, da der Bereich rechts sehr hell beleuchtet ist. Und auch hier schauen wir mal auf ein Detail, in diesem Fall die Brücke im linken Drittel.

Bild3P20Pro Huawei P20 Pro

Bild3Lumia950 Microsoft Lumia 950

Bild3Lumia1020 Nokia Lumia 1020

Im Pixelbrei kann man beim P20 Pro wieder am meisten Details erkennen, mit etwas Abstand folgt das Lumia 950 und am Schluss das 1020.

IMG_20180927_142525

WP_20180927_14_26_20_RichWP_20180927_14_25_38_Pro

Man braucht eigentlich die Modelle gar nicht mehr dran schreiben, das Lumia 950 sticht farblich hervor und zwischen P20 Pro und Lumia 1020 kann man dann anhand des Bildformates unterscheiden…

Bei der Belichtung bietet es sich an, mehrere Fotos mit unterschiedlichen Belichtungspunkten zu schießen. Wählt man einen helleren Punkt für die Messung, wird die Blende weiter geschlossen, dunklere Bildbereiche saufen ab. Wählt man einen dunkleren Bereich, ist die Blende weiter offen, helle Bereiche überstrahlen. HDR, teilweise gekoppelt mit einer Szenen-Erkennung per “AI” kann dabei helfen, so etwas zu vermeiden, gerade beim Schnappschüssen. Lässt man sich etwas mehr Zeit pro Foto, bekommt man das Optimum aus dem Bild.

Es zeigt sich am Ende somit recht deutlich, dass nur Megapixel alleine nicht glücklich machen. Der Rest drumherum muss auch passen. Und hier schlägt die moderne Technik im Huawei insbesondere das fünf Jahre alte Lumia 1020 um Längen. Trotzdem ist selbst dieses immer noch brauchbar als Kamera-Smartphone – auch wenn es heute lange nicht mehr im High-End-Bereich mitspielt.

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Dreiäugiges Monster – Das Huawei P20 Pro im Test

Im Juli hatte ich im Blog ja einen Kurztest des Huawei P20 Lite und damals schon angekündigt, dass ein Test des P20 Pro folgen würde. Nun denn, es hat ein wenig länger gedauert als gedacht, aber man will so ein Gerät ja auch etwas ausführlicher in Augenschein nehmen. Die Gelegenheit hatte ich – seit Juli ist das P20 Pro mein sowohl beruflich als auch privat ausschließlich genutztes Smartphone.

Schauen wir auf die trockenen Details. Huawei verbaut einen 6,1” FullHD+ OLED Bildschirm, den Kirin 970 8-Kern-SoC aus eigener Fertigung, 6 GB Ram, 128 GB Flash und eine Kamera mit drei Objektiven mit Leica Logo. Installiert ist Android 8.1 mit Huaweis EMUI Oberfläche. Die kompletten Spezifikationen finden sich natürlich auch wieder auf der Huawei Webseite.

Nimmt man das Gerät zuerst in die Hand, fällt neben der Farbgebung zuerst mal das Gewicht auf. Mit 180 Gramm liegt das P20 Pro vergleichsweise schwer in der Hand. Ein Galaxy S9 ist merkbar leichter, ein iPhone X hat zumindest noch ein paar Gramm weniger. Bei der Wahl der Farbe darf man zwischen schwarz, blau und “twilight” aussuchen. Letzteres ist eine Farbgebung, die je nach Blickrichtung changiert und mal blau, türkis oder pink aussieht.

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Das P20 Pro kommt mit schnellladefähigem Netzteil, USB-C Kabel, Klinke-auf-USB-C Adapter, USB-C Headset und bereits aufgeklebter Displayschutzfolie. Leider ist diese hier minimal zu weit oben aufgeklebt, so dass sich oben etwas Staub sammelt. Zudem ist eine durchsichtige Schutzhülle im Lieferumfang. Ohne Schutzhülle sieht man natürlich gerade auf der glänzenden Rückseite jeden Fingerabdruck. Mit Schutzhülle kommen die Farbenspiele der “twilight” Variante nicht ganz so toll zur Geltung. Aber ich will das Gerät ja nutzen und nicht anschauen, also kommt die Schutzhülle weiter zum Einsatz.

Auch hier hat das Display oben eine “Notch”, d.h. eine Einkerbung, die die Front-Kamera, einen Lautsprecher und die Benachrichtigungs-LED unterbringt. Ein Face-Unlock ist damit möglich, allerdings nicht empfehlenswert. Die Kamera dürfte sich relativ einfach überlisten lassen.

Huawei hat leider die 3,5mm Klinkenbuchse weggelassen, wie es mittlerweile bei vielen Smartphones der Fall ist. Ob man den USB-C Adapter jederzeit dabei hat, ist eher fraglich. Ihn zu Hause am guten Kopfhörer dranzulassen, dürfte die sinnvollste Verwendungsform sein. Das mitgelieferte Headset ist klanglich okay, aber vom Tragekomfort eher mäßig. Das Design sieht nach einem Klon der Apple EarPods aus. Das nackte Plastik steckt eher nicht so gut im Ohr.

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Ein Nachteil zeigt sich nach wenigen Wochen der Benutzung von Netzteil, Headset und Kabeln: man macht den Unsinn von Apple nach und färbt alles weiß ein. Das sieht toll aus, wenn es aus der Packung kommt. Liegt das Netzteil samt Kabel mal für eine Dienstreise im Notebook-Rucksack, sieht das Weiß schon ziemlich dreckig aus.

Der USB-C Anschluss mit USB 3.1 Gen. 1 am Gerät kann auch dazu verwendet werden, das P20 Pro an einem großen Bildschirm zu betreiben. Man sieht dann einen richtigen Desktop und kann seine Android Apps im Fenster mit Maus und Tastatur bedienen. Das funktioniert sogar am Microsoft Dock, welches damals zur Lumia 950 Serie verkauft wurde. Allerdings scheitert man leider auf halber Strecke, denn Tastatur und Maus müssen über Bluetooth gekoppelt werden. Eine USB-Tastatur und –Maus am Dock werden nicht erkannt. Schade.

Trotz Glas-Rückseite kann das P20 Pro leider nicht drahtlos aufgeladen werden. Der für mich so einzig größere Kritikpunkt. Anders als das Lite ist es allerdings wasserdicht nach IP67 Schutzklasse.

Es gibt vom P20 Pro Varianten mit Single- und Dual-SIM. Ich hab allerdings bisher noch kein Single-SIM Modell zu Gesicht bekommen. Eine MicroSD Karte statt der zweiten SIM zu verbauen ist nicht möglich, eine Erweiterung der 128 GB Speicher somit nicht möglich. Beim Dual-SIM Modell sind beide SIMs voll LTE-fähig, anders als beim vorher getesteten P20 Lite. Es werden alle gebräuchlichen Frequenzbänder unterstützt.

Anders als beim P20 Lite sitzt der Fingerabdruckleser hier auf der Vorderseite – für mich persönlich die sinnvollere Anordnung. Die verbauten Lautsprecher sind okay, um mal ein Video von Youtube zu schauen. Ein Stereo-Effekt ist zwar vorhanden, aber da sollte man dann doch eher auf Kopfhörer setzen.

Das Android 8.1 System bekam seit dem Start des Tests mehrfach Updates. Zumindest die Sicherheitspatches von Google fanden relativ schnell ihren Weg aufs Gerät. Zum Zeitpunkt des Berichtes hier ist das System auf dem Stand August 2018. Für Android 9 gibt es zumindest einen Betatest und auch Android 10 ist für die Zukunft versprochen. Hoffen wir, dass Huawei das Versprechen hält.
Zur EMUI Oberfläche hatte ich beim P20 Lite Test schon etwas geschrieben. Sie ist gut nutzbar, einen alternativen Launcher habe ich bisher nicht installiert.

Die sonstigen Leistungsdaten sind mehr als ausreichend und somit ist die Bedienung auch jederzeit fix. Der “Schwuppdizitätsfaktor” ist hoch. Nur ganz selten tauchte es auf, dass die Twitter App überraschend langsam startete. Möglicherweise auch ein Problem der App selber.

Einige Zickereien bei Bluetooth Verbindungen sind im Laufe der Zeit verschwunden. Ob durch die eingespielten Updates oder den dafür notwendigen Neustart, lässt sich nachträglich nicht klären. Aber mittlerweile laufen Bluetooth Verbindungen stabil zu allen Geräten.

Kommen wir zum Highlight: dem Kamerasystem. Huawei hat ja schon bei verschiedenen Tests mit der Kamera gepunktet. Beim DxOMark Test steht das P20 Pro seit dem Release mit 109 Punkten einsam an der Spitze. Das richtige Gerät also, um die DSLR zu Hause zu lassen und loszuziehen.

Eine Selfie-Kamera mit 24 Megapixeln und f2,0 Blende vorne sowieso hinten drei Linsen mit 40 Megapixeln (f1,8), 20 Megapixeln (s/w, f1,6) und 8 Megapixeln (Zoom, f2,4) klingen schon nach etwas. Eine optische Bildstabilisierung gibts auch noch. Der Autofokus ist schnell und stellt fast immer schon auf das passende Objekt scharf.

Ein dreifacher Zoom ist somit optisch möglich, die fünffache Zoomstufe wird dann davon ausgehend interpoliert. Bilder werden standardmäßig mit 10 Megapixeln in 4:3 Format gespeichert. Alternativ ist es möglich, direkt mit 40 Megapixeln zu speichern (ebenfalls 4:3). Hier fallen allerdings zusätzliche Kamera-Funktionen weg, da diese die zusätzlichen Pixel der Sensoren nutzen würden. RAW Format ist selbstverständlich auch möglich. Ich habe mich mit den 10 Megapixeln und JPEG im Normalbetrieb arrangiert.

Zum Beginn des Tests hatte Huawei in der Kamera-App standardmäßig die AI-Funktionen aktiv. Die Kamera erkennt dann automatisch das Motiv und stellt sich darauf ein. Bei den unteren Testbildern wurde rechts als Szenerie “Pflanzen” erkannt, links das gleiche Motiv ohne AI.

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Da sieht man dann auch schon gleich, dass man die AI ein wenig vorsichtig benutzen sollte. Die Bilder werden mit und ohne AI klasse, sind mit AI aber ggfs. ein wenig sehr optimiert auf knallige Farben. Hat die Kamera als Szenerie “Blauer Himmel” oder “Pflanzen” erkannt, wirkt Haut auf den Bildern schon fast orange.

Mittlerweile ist nach einem der Updates die AI Funktion standardmäßig aus und man kann sie auf Wunsch aktivieren. Die folgenden Testbilder sind allesamt mit aktiver AI Funktion geschossen worden.

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Im Nachtmodus legt das P20 Pro dann noch mal nach. Das linke Foto ist abends aufgenommen worden, die Umgebung war bis auf die Laternen völlig dunkel. In dem Fall hat das Foto 50 Sekunden gedauert.

Das rechte Foto mit dem Mond im Gegenlicht war nach fünf Sekunden im Kasten.

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Auch eine Bokeh-Funktion für künstliche Unschärfe im Hintergrund von Portrait-Fotos ist natürlich dabei und funktionierte gut.

Und auch hier zum Abschluss ein Blick auf den Akku. Der hat 4000 mAh und ist damit auch mit für das vergleichsweise hohe Gewicht verantwortlich. Allerdings will ja auch einiges an Funktionen mit Strom versorgt werden. An manchen Stellen ist Huawei sehr strikt in Sachen Stromsparen und dreht manchen Apps ein wenig zu sehr die Hintergrunddienste ab. Wer also von manchen Apps Benachrichtigungen vermisst, sollte hier in den App-Einstellungen diese von diesen Stromsparfunktionen ausnehmen.

Mit zwei aktiven SIM Karten, privaten und beruflichen Apps, d.h. mehreren Mail-Konten, Messengern und normaler Nutzung komme ich mit dem Gerät locker über zwei Tage mit einer Akkuladung. Mit viel Nutzung von Display und Kamera habe ich es schon mal geschafft, den Akku in weniger als 24 Stunden zu leeren. Spiele nutze ich nicht und habe ich daher auch nicht getestet. Wer sein Handy eh jede Nacht lädt, wird mit dem P20 Pro sicherlich keine Probleme bekommen.

Fazit: das P20 Pro ist momentan die beste Smartphone-Kamera und ein ziemlich feines Android-Smartphone noch dazu. Wer schon auf der Android Schiene unterwegs ist, kann bedenkenlos zugreifen und bekommt verdammt viel Leistung fürs Geld.
iOS Nutzer werden vermutlich nicht ihr Ökosystem für einen Wechsel aufgeben. Sie müssen sich allerdings fragen, ob ihnen das in sich besser optimierte iOS wirklich Apples saftige Preise wert ist.

Das Huwei P20 kostet aktuell (September 2018) je nach Farbe zwischen 660 und 690 EUR, wobei schwarz am günstigsten, “twilight” am teuersten ist. Beim iPhone Xs in der kleinen 64 GB Ausführung startet man hingegen bei 1149 EUR.

Huawei P20 Pro in “twilight”
Huawei P20 Pro in schwarz
Huawei P20 Pro in blau

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