Die endlose Diskussion um Antivirensoftware…

In den Foren und teils auch in der Fachpresse wird das Thema ja teilweise heiß diskutiert: reicht der Windows Defender als mitgelieferte Antivirenlösung aus oder muss es eine kostenlose oder gar kostenpflichtige Lösung eines anderen Anbieters sein? Sind Virenscanner generell “Schlangenöl”? Verursachen sie möglicherweise mehr Probleme als sie beseitigen?

Das Thema wird teilweise auf einer sehr persönlichen Ebene diskutiert und ich selber habe eigentlich keine Lust, wieder und wieder die selben Punkte durchzukauen. Daher gibt es hier jetzt die passende Zusammenfassung. Holen wir zum Anfang mal etwas aus.

Was ist ein ein Virenscanner und was kann er vom Prinzip her?

Ein Virenscanner ist ein Stück Software, welches im Hintergrund läuft und möglichst alles, was auf dem PC so vorgeht, überwachen soll. Hierbei soll dann auf verschiedene Weise festgestellt werden, ob ein ausgeführter Prozess oder eine Datei schädlich sind und die Ausführung verhindert bzw. gestoppt und die dazugehörigen Dateien unschädlich gemacht werden.

Klassisch arbeiten Virenscanner mit Virensignaturen. Der Hersteller analysiert eine Schadsoftware und verteilt an seinen Scanner ein paar Bits und Bytes, anhand dieser genau diesen Virus erkennen kann. Man sieht schon, woran das krankt: der Hersteller des Virenscanners muss zuerst die Schadsoftware mal in die Finger bekommen und zumindest automatisiert analysieren. Dann müssen diese Signaturen getestet werden und zum Kunden. Wenn man davon ausgeht, dass eine neue Schadsoftware beispielsweise als Mail-Anhang verschickt wird, ist diese Minuten nach der Erstellung beim Empfänger. Eine Virensignatur hilft hierbei also schlicht gar nichts.

Man versucht das zu beschleunigen, indem die Programme direkt beim Hersteller nachfragen. Dies wird gerne beispielsweise als “Cloud-Scan” bezeichnet. Es wird halt nicht gegen eine lokale, heruntergeladene Signatur geprüft, sondern gegen die etwas aktuelleren Signaturen des Herstellers im Netz. Auch dazu muss dieser natürlich die mögliche Schadsoftware schon mal gesehen haben, d.h. auch das ist ggfs. zu langsam.

Daher gibt es seit längerem die Heuristik. Anhand von bestimmten Merkmalen wird versucht, Schadsoftware zu erkennen, auch wenn diese bisher dem Hersteller noch nicht untergekommen ist. Mittlerweile geht die ganze Sache fließend in eine Verhaltensüberwachung über. Es wird also geschaut, was ein ausgeführter Prozess macht. Startet Word jetzt plötzlich eine Powershell, weil das ein Makro so verlangt, um dann Daten aus dem Internet herunterzuladen, ist das wohl kein normales Verhalten. Es mag legitime Gründe für so etwas geben, aber meist steckt da wohl eher Schadsoftware dahinter. Die Verhaltensüberwachung sollte jetzt hier also eingreifen. Etwas flapsig gesagt: es wird geraten, welche Dinge nun gut oder böse sind.

Kann man sich darauf verlassen?

Nein.

Ganz einfach nein. Man kann und sollte sich auf so etwas niemals verlassen! Die Hersteller, die einem Lösungen verkaufen wollen, beschreiben die Sicherheit ihrer Produkte in der Werbung so, als wäre alles super, sobald nur die gekaufte Sicherheitssuite installiert und aktualisiert ist. Nie mehr Sorgen machen, kann gar nichts mehr passieren. 100%ige Sicherheit.

Wer oben gelesen hat, muss das schon bezweifeln. Wie soll eine Kombination aus Signaturen (prinzipiell veraltet) und Verhaltensüberwachung (prinzipiell nicht genau) denn eine 100%ige Sicherheit bringen?

Wenn eine Software ausgeführt wird, die komische Dinge macht und die Verhaltensüberwachung dann irgendwann anschlägt, kann es sein, dass rechtzeitig eingegriffen und Schlimmeres verhindert wurde. Aber wurden denn auch die Dinge, die schon ausgeführt wurden, bis die Verhaltensüberwachung angeschlagen hat, wieder rückgängig gemacht? Mal angenommen, eine Software fängt an, etwas aus dem Netz nachzuladen und einen Prozess zu starten. Als nächstes ändert sie die Browser-Startseite, deaktiviert die Systemwiederherstellung und in dem Moment schlägt der Virenscanner zu. Wird die Systemwiederherstellung dann wieder aktiviert? Die heruntergeladene Datei entfernt? Was passiert, wenn vorher schon andere Systemeinstellungen verändert wurden?

Vielleicht ist es jemandem aufgefallen: ich hab noch gar nicht von bestimmten Produkten geschrieben. Die bisher genannte Problematik trifft auf all diese Software zu. Natürlich auch auf den Windows Defender. Der Defender ist kein Wundermittel. Er ist als Virenscanner genauso schlecht wie alle anderen Produkte auch.

Es ist ein prinzipielles Problem, dass solche Software nur in gewissen, engen Grenzen funktioniert. Man sollte solche Software also eher mit einem Airbag vergleichen: der verhindert nicht den Unfall. Das hätten der Fahrer, ESP, ABS und viele andere Dinge vorher machen sollen. Der Airbag sorgt dafür, dass die Sache möglicherweise glimpflich ausgeht. Ähnlich funktioniert ein Virenscanner. Er kann ältere Schadsoftware erkennen. Er kann möglicherweise neuere Schadsoftware erraten. Vielleicht ist das genau der Punkt, der dem Nutzer den A… äh… Hals rettet, wenn alle tatsächlichen Sicherheitsfunktionen vorher versagt haben. 

Ein Virenscanner ist somit nicht generell vollkommen unsinnig. Er ist auch nicht völlig unwirksam, die Bezeichnung als “Schlangenöl” also zumindest etwas übertrieben. Man sollte aber dessen doch eher enge Grenzen kennen, was er leisten kann und was nicht. Zudem sollte er nicht selber noch zum Problem werden. Beides ist nicht ganz einfach.

Software hat Fehler. Virenscanner auch.

Jede Software hat Fehler. Wenn man einen Fehler beseitigt, kann es sein, dass damit ein anderer Fehler aufgerissen wird. Das passiert. Zwei Fragen stellen sich. Einerseits nach der Schwere des Fehlers und zweitens nach dem Grund des Fehlers. Ist der Fehler so schwer, dass er ein massives Sicherheitsproblem darstellt oder ist er eher harmlos bis ärgerlich. Und entstand der Fehler, weil jemand etwas falsch gemacht bzw. übersehen hat oder weil jemand die Grundlagen nicht verstanden hat?

In diesem Artikel im Heise Newsticker wird ein schönes Beispiel von vor ein paar Jahren dokumentiert. Ein Sicherheitsforscher von Googles “Project Zero” hat sich da mehrere Komponenten von Trend Micro vorgenommen. Und wurde fündig. Nach eigenen Aussagen im Passwort Manager nach 30 Sekunden. Den angeblich besonders sicheren Browser bezeichnet er als das Lächerlichste, war er je gesehen habe, da die Komponenten veraltet und dann auch noch grundlegende Sicherheitsfunktionen des Browser-Herstellers darin abgeschaltet waren. Systeme mit der Software waren bis zur Beseitigung der Fehler sperrangelweit offen und auch nachdem die direkten Lücken beseitigt wurden, fanden sich noch diverse Punkte, die den Sicherheitsforscher ernsthaft zweifeln lassen.

In diesem Fall gab es also sowohl Programmierfehler, aber viel schlimmer, es gab massive grundsätzliche Verständnisprobleme in Sachen Sicherheit. Und das von einem Hersteller, der nichts anderes macht, als den Kunden mehr Sicherheit verkaufen zu wollen.

Auch andere Hersteller leisten sich solche massiven Patzer und auch bei anderen Herstellern fragt man sich, ob diese die Grundprinzipien von Sicherheit verstanden haben. Ist das Schlamperei oder Unverständnis?

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Bei Bitdefender muss man sich anmelden und ein Konto erstellen. Das erstellte Passwort wird als schwach zurückgewiesen. Wenn DIESES Passwort als schwach gilt, welches Passwort ist denn dann sicher?

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Nun: gar keines. Löscht man das Passwort wieder aus dem Eingabefeld, wird das Passwort als sicher angezeigt. Ähem… ja. Würden sie diesen Entwicklern ihre Sicherheit anvertrauen?

Manch einer wird jetzt aufschreien und sagen, dass dies ja gar nicht immer im Virenscanner selber war, sondern teilweise in zusätzlichen Komponenten wie Passwort Manager oder “sicherem” Browser. Aber genau diese sind es ja, die oft als Grund für den Kauf kostenpflichtiger “Sicherheitssuiten” genannt werden.

Auch Microsoft hatte im Defender schon Sicherheitslücken. Das waren allerdings die “klassischen” Fehler, bei denen z.B. ein Pufferüberlauf nicht verhindert wird. Also Programmierfehler, aber keine Fehler, die auf ein grundsätzliches Unverständnis von Sicherheit schließen ließen. Zumindest wäre mir aus den letzten Jahren kein solcher Fehler bekannt.

Die Sache mit der Angriffsfläche

Die Sicherheit eines Systems hängt an der schwächsten Komponente. Es reicht eine Komponente, die möglichst tief im System hängt und möglichst viele Rechte hat, um massive Löcher in ein System zu reißen. Daher versucht man normalerweise, die Angriffsfläche so gering wie möglich zu halten.

Einfach gesagt: besteht mein System aus 100 Komponenten, habe ich mindestens 100 Möglichkeiten, es zu kompromittieren. Installiere ich zehn Komponenten dazu, habe ich 110 Möglichkeiten, es zu kompromittieren. Besteht mein System aus mehr Komponenten, erhöht sich somit die Angriffsfläche. Und erhöht sich die Angriffsfläche, sinkt dadurch die Sicherheit. Ganz automatisch und von alleine.

Nun ist nicht jede Komponente gleich gefährdet, selber zum Sicherheitsproblem zu werden. Eine Anwendung, die nur mit Rechten des Benutzers läuft und Kreise auf den Bildschirm malt, wird sich wenig dazu eignen. Es gibt aber bestimmte Stellen, wo es prinzipiell etwas gefährlicher ist. Treiber sind so eine Sache. Treiber laufen normalerweise mit den Rechten des Systems. Das System darf im Grundsatz alles. Erreicht man es also, eine Lücke in einem Treiber auszunutzen, hat man das große Los gezogen. Und was machen Virenscanner? Sie installieren genau solche Treiber, um sich möglichst tief ins System zu hängen.

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Das ist eine aktuelle kostenlose Kaspersky Version. 25 (!) Treiber wurden mit dieser zusammen installiert. Jeder einzelne davon ist ein potenzielles Angriffsziel.

Screenshot (3)

Zudem laufen vier zusätzliche Prozesse. Jeweils zwei für den Virenscanner und zwei für eine “Sichere Verbindung”. Und zwei davon laufen unter dem SYSTEM Konto. Das wären dann auch hier die bevorzugten Angriffsziele.

Durch die Installation dieser Software wurden also 29 zusätzliche potenzielle Angriffspunkte auf dem System geschaffen, die es vorher nicht gab. Davon 27 mit kritischen System-Rechten. Dafür fallen genau zwei Prozesse des Windows Defenders weg. Na holla!

Nehmen wir also mal an, in der tatsächlichen Wirkung wären Windows Defender und Kaspersky gleichauf, trägt Kaspersky trotzdem die Last der größeren Angriffsfläche. Sprich: Kaspersky müsste die Sicherheit im Vergleich massiv gegenüber dem Defender verbessern, um diese zusätzliche Angriffsfläche auszugleichen, damit die Sicherheit des Systems am Ende auf dem gleichen Level ist. Ist das überhaupt möglich?

Das unabhängige Institut AV-Test vergleicht regelmäßig diverse Virenscanner. Schaut man auf die aktuellen Ergebnisse sieht man, dass der Defender ganz knapp die volle Punktzahl verfehlt, die Kaspersky im selben Test abräumt. Gibt es also einen derartig massiven Unterschied in der Wirkung? Nein. Ganz offensichtlich nicht.

Wo verbessert nun also die nachinstallierte Software genau die Sicherheit? Man könnte ja vermuten, dass Microsoft irgendwo lasch und schlampig programmiert und die Anbieter der zusätzlichen Software dies dann viel besser können. Nun, offenbar ist es nicht ganz so. Dieser Artikel als Retrospektive zu Windows Vista hat da einen ganz interessanten Absatz:

In meiner Rolle als Sicherheitschef von Microsoft habe ich persönlich Jahre damit verbracht, Antiviren-Herstellern zu erklären, warum wir ihnen nicht länger erlauben würden, Kernel-Anweisungen und Datenstrukturen im Speicher zu „patchen“, warum dies ein Sicherheitsrisiko darstellt und warum sie in Zukunft genehmigte APIs verwenden müssen, dass wir ihre Legacy-Anwendungen nicht mehr mit Deep Hooks im Windows-Kernel unterstützen würden – der gleiche Ansatz, den Hacker benutzten, um Nutzersysteme anzugreifen.
Unsere „Freunde“, die Antiviren-Hersteller, drohten, uns im Gegenzug zu verklagen, indem sie behaupteten, wir würden ihren Lebensunterhalt blockieren und unsere Monopolmacht missbrauchen! Mit solchen Freunden, wer braucht da noch Feinde? Sie wollten einfach nur, dass ihre alten Lösungen weiter funktionieren, auch wenn das bedeutete, die Sicherheit unserer gemeinsamen Kunden zu verringern – genau das, was sie eigentlich verbessern sollten.

Hat sich das seitdem verbessert? Ich möchte dran zweifeln, wenn ich zurück denke, was für Probleme ich selber mit einer kommerziellen Antivirensoftware und manch anderen Produkten im Firmenumfeld in den letzten Jahren so gesehen habe. Oft genug musste man die Sicherheit des Systems verringern, um Funktionen der nachinstallierten Antivirensoftware nicht zu behindern.

Firewall, Kinderschutz, Webfilter, Mailfilter, Spamfilter, Sicherer Browser

In vielen Berichten liest man über den Defender als “Grundschutz”, weil er ja die ganzen zusätzlichen Funktionalitäten nicht mitbringen würde, die andere Hersteller mit ihren Sicherheitssuiten mitliefern.

Nun, alles davon, was sinnvoll ist, gibt es schon dort, wo es hingehört: entweder im System oder in den jeweiligen Anwendungen. Eine Firewall bringt Windows mit. Einen Kinderschutz bringt Windows mit. Einen Webfilter bringt Windows in Form des Smartscreen-Filters auch mit. Mail sollte beim Provider gefiltert werden, bevor sie überhaupt in mein Postfach kommt. Für Spam ist das Mailprogramm oder ebenfalls der Provider zuständig. Mailanhänge werden dann vom Defender gescannt, wenn sie auf die Disk geschrieben werden. Und an sich erwarte ich von jedem Browser, dass er im Grundsatz schon so sicher ist, dass ich damit Onlinebanking machen kann und will.

Was genau soll jetzt daran sicher sein, wenn jemand einen Firefox oder Chromium Quellcode nimmt, diesen irgendwie verändert und dann Wochen oder Monate damit zurück hängt, ihn aktuell zu halten? Wenn in Firefox oder Chromium heute Sicherheitslücken gefixt werden, dann muss der Firefox oder Chromium heute aktualisiert werden. Was genau ist sicher dran, wenn der Anbieter der Sicherheitssuite diese Änderungen erst ins eigene Produkt übernehmen und dieses updaten muss? Sobald die neue Firefox oder Chromium Version draußen ist, sind die Lücken öffentlich bekannt und können ausgenutzt werden. Und das werden sie auch!

All diese Komponenten, die viele der Suiten mitliefern, blähen das System unnötig auf. Sie sind mögliche Angriffsziele. Und natürlich können solche Funktionen auch ihrerseits zu Fehlern führen.

Wenn der Virenscanner zum Problem wird

In manchen Foren wird mittlerweile bei nahezu jeglichen Problemen vehement und quasi zuallererst dazu geraten, zuerst mal eventuell nachinstallierte “Sicherheitssoftware” zu deinstallieren. Egal ob es im Lautsprecher knackst (der Virenscanner könnte ja den Treiber stören) oder ein Windows Update einfach nicht will. Oft entsteht daraus wieder eine dieser Diskussionen, die ich mit diesem Artikel ja etwas mit Hintergrund versorgen will. Ist das sinnvoll und notwendig?

Zuerst einmal muss man dran denken, dass es momentan über eine Milliarde Windows 10 Installationen gibt. Dazu kommen noch eine Reihe älterer Windows Versionen. Die große Masse davon läuft, hat meist irgendeinen Virenscanner installiert, bekommt die monatlichen Updates – und das ganz unabhängig davon, ob der Hersteller des Virenscanners nun Avira, Kaspersky oder Microsoft heißt. Der Betrieb irgendeines Virenscanners muss also nicht grundsätzlich und immer zu Problemen führen.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: wenn es mit einem System bestimmte Probleme gibt, dann sind vergleichsweise häufig nachinstallierte Virenscanner oder Sicherheitssuiten darin verwickelt. Typische Fehlerbilder sind Bluescreens oder diverse Probleme bei Windows Updates und Upgrades.
Auch stellen mittlerweile einige Virenscanner die Windows Firewall oder die Datenschutzeinstellungen von Windows nach ihrem Gusto ein und produzieren damit möglicherweise Probleme. Schwierigkeiten bei Netzwerkverbindungen oder seltsame Fehlermeldungen im Browser sind auch ein typisches Zeichen für Probleme, die gern aus Richtung der nachinstallierten Wächter kommen.

Auch zeigen sich gerne mal Probleme durch Virenscanner darin, dass Windows beim Start das Benutzerprofil nicht laden kann. Der Virenscanner hat die Hand auf irgendeiner Datei, die Windows grad öffnen möchte. Der Virenscanner gewinnt, Windows bekommt keinen Zugriff, der Nutzer verliert.

Genau das sind auch typische Gründe für die Problematik: alles was Windows nutzen will, muss der Virenscanner scannen. Gibt’s dabei ein Problem, bekommt das System keinen Zugriff. Und irgendwas geht dann eben nicht. Gerade bei Updates und Upgrades passieren irrsinnig viele Dinge im Hintergrund. Massen an Daten werden geschrieben, verschoben oder auch nur gelesen. Die Registry wird verändert. Zwischen all diesen Prozessen steckt der Virenscanner, der mit seiner Verhaltenserkennung (“raten”, siehe oben) entscheiden will, ob das alles grad völlig legitim ist. Nebenbei arbeitet der User auch oft noch weiter und sorgt für noch mehr Arbeit für den Virenscanner. Eine Fehlentscheidung auf dessen Seite und es knallt.

Und neue Windows Updates bringen ja gerade in Sachen Sicherheit öfter Veränderungen. Upgrades auf neue Versionen erst recht. Die Hersteller müssen die Preview-Phasen nutzen, um ihre Software anzupassen. Schaffen sie das? Sind zum Release einer neuen Windows Build schon alle Produkte darauf angepasst? Gerade Virenscanner arbeiten ja, wie wir schon bemerkt haben, sehr tief im System. Änderungen, die Microsoft im System macht, z.B. um die tatsächliche Sicherheit des Systems zu verbessern, sorgen möglicherweise für notwendige Anpassungsarbeiten in Virenscannern. Eventuell wirkt sich eine neue Sicherheitsfunktion in Windows auf irgendeine Funktion in einem Antivirus Filtertreiber aus. Wann stehen diese in angepassten Versionen zur Verfügung? Beim Defender ist das klar: mit dem Release der neuen Windows Version.

Also deinstalliert man beim Auftauchen von bestimmten Problemen die nachinstallierte “Sicherheitssoftware”. Ob man das aber nun bei wirklich jedem einzelnen Problem zuallererst empfehlen muss, das darf man schon bezweifeln. Ab einem bestimmten Punkt, bzw. bei bestimmten Problembildern ja. Wenn man bei der Fehlersuche nicht weiter kommt, sicher. Aber nicht bei jedem einzelnen Problem.

Nun hat man natürlich nicht Lust, bei all solchen Problemen jedes Mal testweise den Virenscanner zu deinstallieren und dann hinterher wieder zu installieren.
Die Lösung ist auch da einfach: deinstalliere ihn, installiere ihn nicht wieder.

Aber ich vertraue Microsoft einfach nicht!

Dann verzichte auf deren Produkte!

Es ist völlig schizophren, auf der einen Seite Windows einzusetzen, möglicherweise auch Microsoft Office und einige Microsoft Dienste und diesen quasi alles anzuvertrauen, auf der anderen Seite dann aber zu bezweifeln, dass Microsoft einen brauchbaren Virenscanner hinbekommen würde. Oder zu glauben, man müsse ja Windows einsetzen, aber irgendwie so abschotten, dass Microsoft das nicht mitbekommt.

Es gibt für manche Leute sicherlich gute Gründe, Microsoft nicht zu vertrauen. In meinen Augen gibt es stattdessen viel mehr Gründe bei manch anderen Firmen. Aber wenn man es auf die Spitze treibt, dann muss man deren Produkte halt schlicht vermeiden.

Der tschechische Anbieter Avast ist letztens negativ aufgefallen, weil er einfach mal die Kundendaten seiner Kunden an andere Anbieter verkauft hat. Ups, hat dummerweise jemand rausgefunden. War nicht so gut fürs Image und man hat die Tochterfirma, die damit Geld verdient hat, dann schnell zugemacht. Trotzdem installieren manche Leute weiter deren Software. Avast hat übrigens 1600 Mitarbeiter. Avira hat insgesamt wohl gut 500 Mitarbeiter, Kaspersky hat 3900, Trend Micro gut 5000.
Microsoft hat 150.000 Mitarbeiter. Alleine die Anzahl der Mitarbeiter, die bei Microsoft mit dem Thema Sicherheit beschäftigt sind, dürfte die Anzahl der gesamten Mitarbeiterschaft eines jeden der anderen drei Anbieter übersteigen.

Microsoft baut das Betriebssystem selber. Seit Jahren ist das Thema Sicherheit eine grundlegende Komponente bei allem, was dort entwickelt wird. Alle möglichen Sicherheitsthemen werden von Microsoft angeschoben, oft weit über das hinaus, was nur Windows selber angeht. Und gerade die sollen an einem Virenscanner scheitern?

Wie gesagt, auch die machen Fehler. Auch im Defender gab es schon Sicherheitslücken. Meiner Einschätzung nach ist die Chance dafür aber deutlich geringer als bei manchen überzüchteten Mega-Super-100%-Glücklich-Sicher-Suiten.

Was mehr kostet, muss mehr können. Oder?

Wenn gar nichts mehr hilft, kommt noch der Hinweis, dass ja Defender kostenlos sei. Die anderen Anbieter hätten auch kostenlose Lösungen und die wären immer abgespeckt. Da wäre der Defender ja auch nur abgespeckt oder so. „Grundschutz” halt.

Der Defender ist nicht kostenlos! Du hast ihn mit deiner Windows Lizenz zusammen erworben. Microsoft will dir auch keine irgendwie geartete “professionelle” Version verkaufen. Selbst im Business-Umfeld wird der Defender nicht etwa durch eine “bessere” Lösung ersetzt, sondern nur anders verwaltet und kann Informationen an ein zentrales Management berichten. Das, was Windows mitbringt, ist keine irgendwie abgespeckte Lösung, die für den anspruchslosen Privatnutzer gerade mal eben so reicht. Manch einer mag das gerne vergessen.

Fazit

Der Windows Defender ist als Virenscanner nicht nur ausreichend, sondern im Vergleich zu vielen anderen nachinstallierten Lösungen auch zu empfehlen. Nicht weil der in Sachen Sicherheit dem Rest überlegen wäre, sondern weil er selber die Sicherheit und Stabilität des Systems weniger gefährdet als der Rest.

Für die tatsächliche Sicherheit des Systems wichtiger sind regelmäßige und zügige Updates des Systems und aller verwendeter Software und Treiber. Weniger ist Mehr, die Verringerung der Angriffsfläche ein wichtiges Ziel. Also weniger unsinnige Komponenten, die installiert werden. Kritisches Nachdenken ist sinnvoll, bevor Knöpfe geklickt und Programme heruntergeladen werden. Sichere Quellen für Downloads sind sinnvoll. Eine sichere Grundkonfiguration des Systems, des Browsers und ein grundsätzlich vorsichtiges Verhalten sind wichtig.
Der Windows Defender ist dann am Ende der oben schon erwähnte Airbag, der hoffentlich nur noch zum Einsatz kommt, wenn alle Sicherheitsfunktionen inklusive des Nutzers versagt haben.

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4 Antworten zu Die endlose Diskussion um Antivirensoftware…

  1. Martin Hermann schreibt:

    Cooler Artikel, Ingo! Habe mir mal erlaubt, ihn auf LinkedIn zu posten.

  2. Pingback: Mal wieder was zum Thema Virenscanner in Ingos Blog | Michael-Floessel.de – Blog

  3. Hans Hofmann schreibt:

    Sehr guter Artikel. Ich werde meinen Firefox für minsestens ein Jahr ausschalten und beobachten ob etwas passiert.

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