Windows 10X–Satz mit X?

Microsoft macht sich natürlich regelmäßig Gedanken über die Zukunft von Windows. Manche davon fließen in neue Versionen ein, manche nicht. Einige davon sind erfolgreich, andere nicht.

Vor der Präsentation von Windows 8 hatte man sich sehr viele Gedanken gemacht und sehr weit in die Zukunft gedacht. Eine Oberfläche mit Apps nur im Vollbild, bedienbar per Touch, mit einem in sich logischen Bedienkonzept und möglichst ohne Altlasten. Apps, die sich per Mausklick ohne Reste deinstallieren lassen, die in sicheren Sandboxen ablaufen und die Berechtigungen zum Zugriff auf diverse Dinge anfordern müssen. In der Theorie und im von Microsoft durchdachten Szenario war das wirklich klasse.

Mit Windows 8 RT hat Microsoft das Konzept damals auf die Spitze getrieben. Hier war das System ausschließlich auf den Bezug von Apps über den Store ausgelegt. Herkömmliche Programme ließen sich gar nicht installieren. Nicht einmal dann, wenn sie für die damals verwendete 32-bit ARM Architektur von RT angepasst wurden.

In der Praxis hat es leider überhaupt nicht funktioniert. Die Masse der Windows-Nutzer verwendet keine Geräte mit Touch, sondern mit Maus und Tastatur. Und die selbe Masse sieht auch gar keinen Grund, auf solche Geräte umzusteigen. Zudem sind Vollbild-Apps auf großen Bildschirmen am PC ziemlich sinnfrei.
Und was das Konzept vollends scheitern ließ, war das Desinteresse der Softwareentwickler. Ein Store, zudem noch ein beim normalen Windows 8 optionaler Store? Das Geld spart man sich lieber und nervt den Kunden dann mit dutzenden von eigenen Software-Updater-Diensten, die statt des Stores dafür sorgen müssen, dass die Software aktuell gehalten wird.

Die ganze Geschichte war also ein tiefer Griff in die braune Masse. Bei US-Firmen ist das Scheitern allerdings gar nicht so schlimm, denn wer gescheitert ist, hat es vorher zumindest versucht. Also versucht man es jetzt mit dem gleichen Konzept noch einmal.

Google ist mittlerweile im US-Bildungsbereich recht erfolgreich mit ChromeOS basierten Geräten. Solche Chromebooks sind an sich nur einfache Notebooks, auf denen ursprünglich einzig ein Chrome-Browser lief. Quasi sofort bereit nach dem Anschalten und wenige Komponenten, die aktualisiert werden müssen. Mittlerweile ist es auch möglich, Android Apps auszuführen, die allerdings fast nie an die Nutzung auf Notebooks angepasst sind.

Das ist für Microsoft wohl ein Markt, für den es sich lohnt, noch einmal ein Risiko einzugehen.

“Windows 10X” heißt das Mittel der Wahl. Ein System für kleinere, günstige Geräte in Form eines Notebooks oder eines Tablets mit zwei Bildschirmen.
Für letztere Geräte gibt es von Microsoft seit längerem öffentliche Previews mit Hyper-V-Images.

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Seit wenigen Tagen sind auch Leaks des für Notebooks angedachten Windows 10X verfügbar. Zeit also, einen Blick darauf zu werfen.

Der Startbildschirm und das Startmenü sehen zuerst einmal schlicht aus.

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Der Startknopf ist ungewohnt mittig angeordnet, daneben das Symbol zur Anzeige aller offenen Fenster. Im Startmenü finden sich neben dem aktuellen Edge-Browser die von Windows 10 bekannten Apps.

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Edge fühlt sich ganz normal an. Welch Wunder, es gibt keine Unterschiede zur gewohnten Version unter Windows 10.

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Die Anzeige aller geöffneten Fenster sieht ebenfalls schlicht aus. Virtuelle Desktops gibt es nicht.

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Ja, das ist der “Windows Explorer” unter Windows 10X. Schlicht, um nicht zu sagen “sehr, sehr schlicht”. Er öffnet ausschließlich OneDrive sowie einen lokalen Download-Ordner oder angeschlossene Speichermedien wie USB-Sticks. Zugriff aufs lokale Dateisystem ist ansonsten nicht angedacht.

Ach ja, alle Fenster öffnen sich generell nur im Vollbild. Eigentlich also eher ein “Window 10X”. Man möge mir das Wortspiel verzeihen.

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Während die Einstellungen aussehen wie beim gewohnten Windows 10, hat man das Infocenter deutlich umgebaut. Statt mehrerer kleiner Symbole unten rechts öffnet sich dort nur noch das neue Einstellungsfenster, welches u.a. auch den Knopf zum Herunterfahren verbirgt.

Für die Installation von Apps hat man zwei Möglichkeiten: den von Windows 10 bekannten Microsoft Store oder den Edge-Browser. Aus dem Store laufen alle modernen Apps, d.h. Apps, die für Microsofts universelle Plattform gebaut wurden, sprich “UWP-Apps”. In den Store gestellte Desktop-Anwendungen lassen sich aktuell nicht installieren. Das soll angeblich kommen. Hoffentlich kommt es vor dem geplanten Release, sonst werden die ersten Tester es deswegen verreißen und das war’s dann…

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Was nicht im Store ist, kann man evtl. als Web-App installieren. Bei diversen Webseiten zeigt einem der Edge-Browser mittlerweile einen “Installieren” Knopf an, z.B. bei Spotify oder Twitter. Solch eine Web-App taucht normal im Startmenü und in der Liste der Apps auf und wirkt im großen und ganzen wie eine ganz normale Anwendung.

Das geleakte Image läuft hier in einer VM und braucht dort etwa 1,5 GB RAM. Das ist nicht wirklich viel, aber auch keine Revolution. Insbesondere die Web-Apps werden in Sachen RAM-Bedarf recht ordentlich zulangen.

Windows 10X wird ausschließlich für 64-bit Systeme kommen, d.h. für x64 (AMD64) oder ARM64 Systeme. Es kann nicht im Legacy-Modus booten, sondern erfordert ein UEFI. Die Anmeldung mit einem Microsoft Konto oder einem AzureAD-Konto ist verpflichtend.

Die Mehrzahl der Leser, die bis hierhin gelesen haben, werden vermutlich mit den Schultern zucken und irgendwas in Richtung “naja, nächster Griff ins Klo” murmeln. Ich gebe zu, ich gehöre auch eher dazu. Aber wir sind vermutlich allesamt nicht die Zielgruppe.
Nur was genau ist die Zielgruppe? Und was suggeriert man dieser Zielgruppe, wenn man ihnen ein “Windows” verkauft, was aber genau das nicht kann, was Windows an sich ausmacht: Windows-Programme auszuführen?

Seit Windows 8 und 8 RT hat sich zwar einiges getan. In Sachen Microsoft Store aber leider viel weniger, als für eine auf den Store angewiesene Plattform notwendig wäre. Inwiefern Web-Apps die Sache retten können, muss sich erst zeigen.

Ich glaube, eine Menge Menschen würde ein Windows nutzen wollen, welches etwas “entschlackt” würde, welches “Altlasten” verlieren würde. Allerdings sind Windows-Nutzer auch sehr anspruchsvoll, was Kompatibilität angeht. Wenn das über 20 Jahre alte Microsoft Money 99 auf der aktuellsten Windows 10 Version nicht ohne Umwege installiert werden kann, gibt es böse Einträge in den Foren. Wenn Windows wirklich nicht mehr mit dem Grafikchip von 2006 möchte, dessen Hersteller sich schon seit 2009 nicht mehr für diesen interessiert, wird Zeter und Mordio gerufen.

Windows 10X kann also nur als System für eine zusätzliche Zielgruppe gesehen werden, die aktuell kein Windows nutzt.  Die momentan Chromebooks oder iPads gewohnt ist. Das ist die Konkurrenz, hier gilt es zu punkten. Ob das möglich ist? Sicher hängt das am Ende mit an der Hardware.

Wenn man es schafft, Hardware zu konkurrenzfähigen Preisen zu bringen, auf denen Windows 10X tatsächlich schnell und problemlos läuft, könnte es vielleicht eine Nische sein, die Kundenkreise eröffnet und (wieder) an Microsofts Plattform heranführt. Und wenn sie sich dort (wieder) heimisch fühlen, ist dann evtl. auch das nächstgrößere Gerät wieder eines mit Windows. Entscheidend werden aber die Apps sein. Wird es auf den Geräten das geben, was die Leute nutzen wollen? Wenn nicht, helfen all die schönen Ideen nichts.

Ich lehne mich nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass das alles sehr gewagt ist. In zwei oder drei Jahren werden wir mehr wissen. Bis dahin bleibt das Fragezeichen hinter “Satz mit X?”.

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2 Antworten zu Windows 10X–Satz mit X?

  1. Heinz K. schreibt:

    Wer die Evolution der Kapitalinteressen im Zeitalter globaler Vernetzung noch nicht verstanden hat: Das Marktpotential der „Edutainment“ Browsergadgets liegt zuvorderst nicht bei Hard- oder Software, sondern im Anteil am Kuchen (möglichst) frühzeitig aggregierbarer Nutzerdaten. Das zwingt nachgerade zu niedrigschwelligen Angeboten und zu einer Infantilisierung der Anwendungslösungen. Die Prognose für 10X kann gut ausfallen, denn in Abwandlung zweier Sprichworte gilt für das Cloudgeschäft: Ein Big Player wäscht den anderen. Oder hackt dem kein Auge aus.

  2. Wil Ballerstedt schreibt:

    Ich behaupte mal, dass Google von Anfang an Näher am Endkunden war. Microsoft muss wissen, was es will und nicht wie Mozilla hin- und herschlingern. Und wenn es (eines Tages) auf die Idee kommt, ein Windowsbook für Schüler anzubieten, warum auch nicht? Dessen Stärke sollte es sein, mit einer Ladung etwa 6 Stunden durchzuhalten. (Es wird auch Unterricht ohne Tastatur geben.)

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