Fairphone 3+ im Praxistest

Im Supermarkt gibt es schon lange Eigenmarken, deren Verpackung oft sehr schlicht gehalten ist. Statt buntem Design ist das Eigenmarken-Waschmittel im einfarbigen Karton und auf der Eigenmarken-Schokolade steht einfach nur Schokolade und keine tolle Bezeichnung. Der Inhalt ist dabei meist völlig okay. Vielleicht kein Highlight, aber durchaus brauchbar. In der letzten Zeit gibt es auch immer mehr Bio-Produkte unter diesen Eigenmarken.
Irgendwie so fühlt sich mein heutiges Testgerät an: das Fairphone 3+.

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Ein wenig unfair ist es vielleicht schon, denn es geht bei Fairphone eben gerade nicht um möglichst billige Discounter-Ware, sondern man möchte ein möglichst langlebiges, modulares Smartphone anbieten, welches reparierbar ist und bei dem die ganze Produktionskette möglichst “fair” gestaltet ist. Also faire Löhne für alle Beteiligten, sogenannte “konfliktfreie” Materialien verwendet werden und vieles mehr.

Das Ergebnis in seiner aktuellsten Ausgabe ist dann das Fairphone 3+. Ein Android Smartphone, welches als Gag mit einem Schraubendreher geliefert wird. Damit kann man es zerlegen und einzelne Module tauschen. Auch gab es schon Upgrades, z.B. ein besseres Kameramodul (welches den Unterschied zwischen den Modellen 3 und 3+ darstellt) zum Nachrüsten.

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Das Gerät kommt in einem schlichten Pappkarton mit eben jenem Schraubendreher als einzigem Zubehör. Wer Netzteil oder ein USB-A auf USB-C Kabel braucht, kann diese extra dazu kaufen. Beides kostet je etwa 20 EUR. Auch eine Silikonhülle kann man nachkaufen und zwar für 40 EUR in schwarz oder grün. Das Gerät selber kommt – frei nach Henry Ford – in jeder Farbe, solange sie schwarz ist. Und 469 EUR werden dafür aktuell im offiziellen Onlineshop fällig. 549 EUR zusammen mit dem oben genannten Zubehör. Den Displayschutz für nochmals 30 EUR sowie ein Headset mit wechselbarem Kabel für 50 EUR lassen wir mal außenvor.

Technische Daten

  • 5,65” IPS Display mit 2160×1080 Pixeln
  • Qualcomm Snapdragon 632 SoC mit acht Kernen
  • 4 GB RAM
  • 64 GB Flash
  • Dual-SIM
  • 48 MPixel Hauptkamera und 16 MPixel Frontkamera
  • Android 10

Man kann es also als typisches Gerät der – mittlerweile eher unteren – Mittelklasse sehen. Neben den zwei SIM-Karten kann gleichzeitig auch eine MicroSD-Karte verbaut werden. Der Akku mit 3060 mAh lädt per Qualcomm Quickcharge, allerdings nur über USB-C. Drahtloses Laden ist leider nicht verbaut. Der USB-C Port spricht USB 2.0.

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Neben AC-WLAN und Bluetooth 5 findet sich auch noch eine Klinkenbuchse fürs Headset, für alle diejenigen, die kein Bluetooth-Headset nutzen wollen. 190 Gramm wiegt es und wirkt mit knapp einem Zentimeter Dicke doch recht wuchtig. Die Größe entspricht ansonsten etwa einem iPhone 7 Plus oder dem Huawei P20 Pro, allerdings hat letzteres deutlich geringere Ränder ums Display und bietet so einen größeren Bildschirm bei gleicher Gehäusegröße. Konkret passt bei Huawei ein 6,1” Display ins Gehäuse, beim Fairphone eben nur jene 5,65”.

Da das Gehäuse recht eckig geformt ist, wirkt es doppelt so dick wie das iPhone. Laut Hersteller ist das Gehäuse übrigens zu 40% aus recycletem Kunststoff.

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Die Rückwand lässt sich durch problemloses Abziehen entfernen, der Akku einfach tauschen. Daneben sieht man die drei Kartenslots. Wasserdicht ist so etwas natürlich dann nicht, IP54 wird als Schutzklasse angegeben. Das wäre dann Spritzwasser. Ein paar Regentropfen sollten somit kein Problem sein.

Der Fingerabdruckleser ist leider auf der Rückseite und somit nicht erreichbar, wenn das Handy z.B. in einer Autohalterung steckt. Da auf der Vorderseite genügend Platz gewesen wäre, kann ich diese Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen. Alle drei Tasten finden sich links, eine extra Taste für die Kamera gibt es leider nicht.

Software

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Das installierte Android 10 updatet sich gleich nach der Einrichtung mit den aktuellen Sicherheitsupdates vom Oktober 2020. Löblich!
Die Anzahl der vorinstallierten Apps ist angenehm klein. Ein Android-Smartphone ohne “Bloatware”? Wahnsinn!

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Das – bis auf Googles zwangsweise vorinstallierte Apps – quasi “nackte” Android wirkt ansonsten etwas sehr schlicht und schnörkellos. Die Installation eines anderen Launchers, z.B. des Microsoft Launchers, bringt da zum Glück schnell ein etwas schickeres Design.

Ansonsten fällt auf, dass in der Titelleiste auch bei zwei bestückten SIM-Karten immer nur der Anbieter der ersten SIM angezeigt wird. Erst wenn man das Benachrichtigungscenter voll öffnet, werden beide Anbieter gezeigt.

Und noch eine Kleinigkeit: ich kenne es von anderen Android-Geräten, dass diese beim Anschluss an einen PC automatisch ein Popup-Fenster öffnen und nach dem gewünschten Modus der Verbindung fragen, also beispielsweise nur Laden oder Datenzugriff. Beim Fairphone kommt diese Nachricht nur still im Hintergrund und man muss mehrfach tippen, um den Zugriff auf den internen Speicher freizugeben.

Display und Sound

Mein Haupt-Gerät ist aktuell das schon genannte Huawei P20 Pro. Wenn man dessen OLED-Display gewohnt ist, wirken die Farben des Fairphone-IPS-Displays eher flach. Die Schwarzwerte sind aber gut. Die automatische Helligkeitsregelung wechselt die Helligkeit des Displays leider in deutlich wahrnehmbaren Stufen. Das geht besser.

Ein “Always-On-Display” im ausgeschalteten Zustand gibt es leider nicht und die verbaute LED zeigt nur an, wenn geladen wird, aber dient nicht zur weiteren Benachrichtigung. Man muss also das Handy zuerst anschalten, bevor man sieht, ob irgendwelche Nachrichten vorliegen.
Update: die Benachrichtigungs-LED ist von Haus aus einfach nur nicht aktiv. Man muss deren Nutzung in den Einstellungen des Systems im Bereich Benachrichtigungen zuerst aktivieren.

Der Lautsprecher erreicht eine ziemlich hohe Lautstärke. Allerdings mag man bei Musik nicht voll aufdrehen, weil sich schon ab einer Lautstärke von etwa zwei Dritteln Musikstücke nur noch grauenhaft anhören. Hoffentlich hält das also Fairphone-Nutzer davon ab, ihre Geräte in der Öffentlichkeit zur Beschallung zu nutzen. Dann hätte die schlechte Lautsprecher-Qualität immerhin einen Vorteil.

Die 3,5 mm Klinkenbuchse ist selten geworden, aber immer noch ein sehr bequemer Weg für Kopfhörer oder Headset, ohne dass irgendwas geladen werden muss. Der Klang ist einwandfrei. Störgeräusche konnten nicht festgestellt werden. Auch mit eingestecktem Headset gibt es allerdings wohl keinen UKW-Radioempfang und eine entsprechende App wird nicht mitgeliefert.

Kamera

Dass sich die Kamera des Fairphone nicht mit dem Huawei messen kann, dürfte von vornherein klar sein. Ein 48 MPixel Sensor, der mit Pixel-Binning arbeitet und dann 12 MPixel Bilder ausgibt, klingt noch ganz gut. Es gibt allerdings halt nur eine einzelne Linse, zu deren genauen Details der Hersteller nichts weiter mitteilt.

Auffällig ist, dass ein Tippen auf den Bildschirm in der Kamera-App nicht nur den angetippten Bereich fokussiert, sondern auch automatisch auslöst, sobald das Handy meint, das Bild sei scharf. Dass die Auslösung einen Bruchteil später kommt, ist ungewohnt und leider kann man es nicht einstellen, dass man wirklich nur mit dem Auslöser auslöst und nicht schon beim Fokussieren.

Die Kamera-App verfügt ansonsten über einen Pro-Modus, welcher Bilder im RAW-Format speichert. Allerdings auch dort sind nur die fertigen 12 MPixel möglich. Die vollen 48 MPixel liefert das Gerät nie direkt als Foto aus.

Aber werfen wir mal einen Blick auf ein paar Vergleichsbilder. Links jeweils das Fairphone 3+, rechts das Huawei P20 Pro. Beide Kameras waren auf Automatikmodus gestellt.

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Gegenlicht durch die Blätter, die Himbeere im Schatten, nicht ganz einfach darzustellen. Das Fairphone wählt ISO50, das Huawei ISO140, trotzdem ist die Schärfe ähnlich. Das Fairphone Bild wirkt etwas bräunlicher.

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Na huch, was ist hier denn schief gelaufen? Nein, so giftgrün wie das Fairphone den Garten hier darstellt, ist er definitiv nicht.

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Auch die Rose ist farblich irgendwie daneben. Das Huawei trifft sie farblich deutlich besser. Der unscharfe Hintergrund passt bei beiden gut. Schauen wir mal genauer, wie denn die Details im Vergleich aussehen.

Schärfe Fairphone Schärfe Huawei

Huawei glättet hier mehr, daher sehen Kanten nicht so ausgefranst aus. Ansonsten geht die Detailschärfe bei beiden in Ordnung.
Dass die Farbe beim Fairphone ziemlich daneben geht, sieht man auch hier im direkten Vergleich noch mal. Die Rose ist in der Realität schon rot, nicht pink.

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Und das wäre dann ein Foto im Gegenlicht durch den bedeckten Himmel mit HDR. Spricht für sich.

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Bei Nachtaufnahmen ist dann endgültig Schluss. Wobei dies beim Huawei noch nicht einmal der spezielle Nachtmodus war, welcher die Szene länger belichten würde, sondern 1/4 Sekunde Belichtungszeit bei ISO 51200, während das Fairphone hier 1/13 Sekunde bei ISO 3200 angibt. Das Fairphone bietet keinen solchen Nachtmodus.

Zusätzliche Funktionen sind hier noch Panorama oder Timelapse und natürlich die Video-Funktion. Seltsamerweise werden 1080p in 30 und 120 fps unterstützt, aber nicht in 60 fps. Bei 4K ist bei 30 fps Ende. Auswählen lässt sich außerdem, ob in H.264 oder H.265 aufgezeichnet werden soll.

Performance

Der Snapdragon 632 ist von 2018 und war auch dort als Mittelklasse-Chip angedacht. Acht Kerne sind heute bei Android-Geräten quasi normal und sorgen dafür, dass im Alltag alles problemlos läuft. Dass es sich nicht um einen High-End-Chip handelt, merkt man mit normalen Apps wie Browser, Office-Apps oder Mail nicht. Es gibt keine Verzögerungen oder irgendwelches Geruckel.

Wer aufwändige Spiele spielen will, könnte mit dem 632 schon eher an die Grenzen kommen. Auch eine Bearbeitung von Fotos auf dem Gerät selber könnte irgendwo Performance-Grenzen aufzeigen. All das ist hier bei mir nicht das typische Nutzungsszenario, insofern reicht mir der SD632 völlig.

Das mit dem Paket kommende 4G LTE Modem kann maximal 300 Mbit/s im Down- und 150 Mbit/s im Upload. Das ist aktuell ausreichend und viele Verträge erlauben eh nicht mehr – oder deckeln noch bei 50 Mbit/s.
Die Verbindung der SIM-Karte im zweiten Slot wird mit entsprechenden Tools nicht als LTE-Advanced angezeigt.
Die Breitbandmessung-App möchte leider mit einer Telekom-Karte keinerlei Datenmessung durchführen, egal in welchem Slot sie steckt. Und die außerdem zur Verfügung stehende o2-Karte ist auf eben jene 50 Mbit/s gedeckelt, was eine Messung witzlos macht. Tatsächliche LTE Performancemessungen müssen damit dann leider ausfallen.

Akku

Was die Akkulaufzeit angeht, kommt man problemlos durch den Tag und je nach Nutzung auch durch zwei Tage. Das Laden geht mit einem Qualcomm-Quickcharge-kompatiblen Ladegerät angenehm schnell.

Am hier vorhandenen Huawei Lader wollte das Fairphone allerdings überhaupt nicht laden. Gut, der kennt kein Qualcomm-Quickcharge, aber normales Laden hätte ich schon erwartet. Schließlich lade ich genau mit diesem Gerät auch sämtliche anderen Geräte mit USB-C-Anschluss. Nun gut, das Fairphone scheint etwas wählerischer zu sein.

Fazit

Das Gerät einzuschätzen ist nicht ganz einfach. Vergleicht man nur technische Daten und Preis, behandelt man das Fairphone unfair, da sicherlich ein großer Teil des Preises durch Dinge entsteht, auf die andere Hersteller eben nicht achten.

In der Preisklasse des Fairphone tummeln sich diverse Geräte, die allesamt technisch deutlich mehr zu bieten haben. Für deutlich weniger Geld, nämlich aktuell 399 EUR, bekommt man ein Oneplus Nord, welches neben 90 Hz Display, Dreifach-Kamera und 5G auch einen aktuellen Snapdragon 765G mitbringt. Und welches neben Displayschutzglas auch Ladegerät und USB-Kabel gleich mit im Paket hat.

Wenn das Fairphone tatsächlich deutlich länger Updates bekommen sollte und sich deutlich einfacher reparieren und aufrüsten lässt, sorgt das für eine Nachhaltigkeit, die sich sicherlich auch bezahlt macht. Tatsächlich rechnen wird es sich aber m.E. für den Nutzer nur dann, wenn er dadurch das Gerät tatsächlich deutlich länger nutzen kann, als ein übliches Mittelklasse-Android-Smartphone. Auch ein Fairphone, welches nach zwei Jahren ersetzt wird, ist nicht wirklich nachhaltig.

Es bleibt am Ende ein Gerät für Leute, die zeigen wollen, dass sie sich um Nachhaltigkeit und faire Produktion Gedanken machen und sich diese leisten wollen. Und können.

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3 Antworten zu Fairphone 3+ im Praxistest

  1. Sehr vieles kann ich gut nachvollziehen, aber bei der „schlechten Lautsprecherqualität“ musste ich aufhorchen, denn meine Wahrnehmung ist da ganz anders.

    Zugegeben, Musik höre ich dann doch über Kopfhörer, aber Podcasts und Hörbücher z.B. am Frühstückstisch funktionieren super über die eingebauten Lautsprecher (mir reichen weniger als 50% Lautstärke), das kannte ich von früheren Handys nicht, die wirklich grauslich klangen.

    Ach ja, die LED funktioniert sehr wohl bei Benachrichtigungen. Zumindest bei meinem FP3, wobei ich es überraschend fände, wenn das beim nahezu baugleichen FP3+ anders wäre.

    • Ingo schreibt:

      Danke für die Rückmeldung. Ich werde das mit der Benachrichtigungs-LED noch mal testen. Bisher blieb sie dunkel, außer halt beim Laden.

      Was den Lautsprecher angeht, hab ich grad noch mal ein zwei Songs testweise auf Fairphone und Huawei abgespielt. Der Lautsprecher vom Fairphone ist zwar laut, aber die Qualität ist und bleibt mäßig. Die Höhen sind viel zu präsent, der Sound ist ziemlich dünn. Ja, laut kann es werden und es mag sein, dass das bei Sprache ausreichend ist. Für Musik sehe ich das aber als unbrauchbar an. Sowohl das verglichene Huawei als auch ein iPhone 7 Plus klingen da um ein ziemlich deutliches Stück besser. Der Unterschied ist dabei nicht nur für geschulte Ohren hörbar, sondern fällt einem innerhalb der ersten Sekunden auf.

    • Ingo schreibt:

      Ich hab das mit den Benachrichtigungen noch mal angeschaut. Die Funktion ist standardmäßig in den Einstellungen schlicht aus, keine Ahnung warum. Schaltet man sie dort ein, kommen dann auch die gewünschten Benachrichtigungen per LED. Ich habs im Text oben entsprechend ergänzt.

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