Tempolimit ohne Sommerloch

Normalerweise habe ich im Blog ja eher technische Themen aus Richtung IT, meist mit Thema Windows. Heute soll es mal um ein ganz anderes Thema gehen.

Das Thema “Tempolimit auf deutschen Autobahnen” war in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mal wieder ein Sommerloch-Thema. Wenn man gar nichts mehr zu schreiben hatte, brachte bestimmt irgendjemand die Thematik Tempolimit wieder ans Tageslicht – meist aus zwei verschiedenen Gründen: Sicherheit und Umweltschutz.

Schnell kochen beiderseits die Emotionen hoch und die Ablehnung des Tempolimits wird von den Befürwortern gerne mit der Situation des Waffenrechts in den USA verglichen. Eine Einschränkung der Rechte und Freiheiten von Menschen sollte immer wohl überlegt sein, egal um welche Thematik es nun geht.
Wenn man etwas einschränken will, soll dies ja positive Auswirkungen haben. Bei den Waffen wäre die gewünschte Auswirkung, dass es weniger Tote durch Schusswaffengebrauch geben sollte. Bei einem kurzen Vergleich der USA mit anderen Ländern ist die Behauptung nachvollziehbar. Überall dort, wo es ein scharfes Waffenrecht gibt, liegt die Anzahl an Verbrechen mit Schusswaffen massiv niedriger. Die Einschränkung der Menschen in der Freiheit, Waffen zu besitzen und zu tragen, dürfte in dem Fall also gerechtfertigt sein.

Aber es soll ja ums Tempolimit gehen. Und somit wäre die Frage, welche deutlichen Verbesserungen man durch solch ein Limit erwarten kann, die die Einschränkungen rechtfertigen würden.

Sicherheit

Aktuelle Zahlen zur Sicherheit auf den Straßen gibt es bei der WHO. Hier werden allerdings nicht nur Autobahnen erfasst, sondern das gesamte Straßennetz.

Ein allgemeines Tempolimit, auch auf Autobahnen, müsste sich eigentlich trotzdem insgesamt positiv bemerkbar machen. Vergleicht man mit unseren Nachbarn, insbesondere mit Ländern ähnlicher Größe, ergibt sich ein anderes Bild.

Angegeben werden Tote pro 100.000 Einwohner.

Deutschland 4,1
Frankreich 5,1
Belgien 5,8
Polen 9,7
Österreich 5,2
Tschechien 5,9
Niederlande 3,8
Schweiz 2,7
Luxemburg 6,3
Dänemark 4,0

Alle Länder um uns herum haben ein Tempolimit. Trotzdem sind die Zahlen der Verkehrstoten ist den meisten dieser Länder deutlich höher, in manchen ähnlich und nur ein einziges Land, die Schweiz, liegt deutlich darunter.

Schauen wir mal auf die konkreten Zahlen für Deutschland. Die für 2018 sind noch nicht verfügbar, aber die Zahlen für 2017 sind schon schön aufbereitet zu finden. Demnach gab es auf deutschen Autobahnen insgesamt 409 Verkehrstote. Geht es ums Tempolimit, können wir getötete LKW-Fahrer außen vor lassen und konzentrieren uns auf die PKW Fahrer. 215 Menschen sind dies, die im Pkw auf Autobahnen in Deutschland 2017 ums Leben kamen.

Es finden sich nirgendwo Informationen darüber, welche dieser Unfälle bei einem Tempo über 130 km/h stattfanden. Auch geben die Daten nicht her, welche Unfälle bei einem Tempolimit hätten vermieden oder wo die Auswirkungen verringert hätten verringert werden können.
Die Daten geben allerdings her, dass die Anzahl der getöteten Autofahrer von 1991 bis 2017 überdurchschnittlich gesunken ist. Trotz einer teils massiven Zunahme des Verkehrs.

Bei 24% der getöteten Autofahrer insgesamt stand nicht angepasste Geschwindigkeit als Grund fest. Allerdings findet sich hier keine Abstufung nach Straßentyp. Da die Unfallhäufigkeit auf Autobahnen weit geringer ist als auf z.B. Landstraßen, wird die Verteilung hier deutlich unterschiedlich sein.

“Nicht angepasste Geschwindigkeit” kann auch bedeuten, dass jemand bei Regen 100 fuhr und das eben für die Menge an Wasser auf der Straße zu schnell war. Allerdings lässt sich nicht aus den Zahlen lesen, wo “nicht angepasste Geschwindigekeit” tatsächlich hießt, dass das Tempo über 130 km/h lag und dann der Situation eben nicht angepasst war. Bleiben wir also mal bei diesen 24%.

Etwa 40% der deutschen Autobahnstrecken sind momentan schon mit einem Tempolimit versehen. Von den 215 Toten insgesamt sind also zumindest ein Teil davon auf Strecken ums Leben gekommen, auf denen bereits ein Limit herrscht.

Gehen wir zugunsten der Tempolimit-Befürworter davon aus, dass eine Autobahn ohne Tempolimit zu mehr Toten führt, sind wir bei etwa 160 Toten auf unbeschränkten Autobahnen. Allerdings lässt sich wie oben schon erwähnt immer noch nirgendwo herauslesen, wie viele dieser Toten durch ein Tempolimit (und vor allem auch dessen Einhaltung) vermieden worden wären.
Wenn man von einem Viertel ausgeht (die 24% der Toten durch “nicht angepasste Geschwindigkeit”), wäre man bei 40 Toten. Wie gesagt, da ist auch noch derjenige dabei, der bei Regen 100 fuhr. Die reale Zahl müsste also noch deutlich darunter liegen

40 Tote von insgesamt 3180 Verkehrstoten in Deutschland, die möglicherweise durch ein Tempolimit vermieden worden wären. Das wären am Ende 1,2%.

Geht man zugunsten der Tempolimit-Gegner davon aus, dass sich die Unfälle gleichmäßig über die limitierten und nicht limitierten Strecken verteilen, bleiben 129 Tote für die nicht beschränkten Strecken übrig. Auch hier nehmen wir dann wieder das knappe Viertel der Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit und kommen auf 32 Tote.

32 Tote von insgesamt 3180 Verkehrstoten in Deutschland wären dann 1%.

Und auch hier ist wieder derjenige dabei, der bei Regen mit Tempo 100 verunglückte, denn unsere Datenbasis ist ja weiterhin “nicht angepasste Geschwindigkeit”. Die realen Zahlen der Unfalltoten bei Tempo über 130 km/h liegen also auch hier sicherlich noch mal darunter.

Ich würde mal sagen: der Effekt des Tempolimits auf die Anzahl der Verkehrstoten wäre minimal. Die statistische Schwankung dürfte schon fast höher sein. Eine geringe Senkung könnte man vielleicht erhoffen. Signifikante Auswirkungen auf die Anzahl der Verkehrstoten wären durch ein allgemeines Tempolimit schlicht nicht zu erwarten.

Umwelt

Ein Auto, welches schneller fährt, braucht mehr Sprit. Damit stößt es mehr Abgase aus. Das sind relativ einfache Fakten, die wohl niemand bezweifelt.

Wie oben schon beschrieben sind etwa 60% der deutschen Autobahnen unbeschränkt. Das heißt allerdings nicht, dass man dort auch tatsächlich schneller als 130 km/h fahren kann bzw. dass die Masse der Autofahrer dies auch tut.
Dichter Verkehr, Wetterlage, persönliche Befindlichkeiten – viele Gründe führen dazu, es langsamer angehen zu lassen.

Ein Auto, welches mehr wiegt und größer ist, braucht ebenfalls mehr Sprit. Damit stößt es mehr Abgase aus. Auch das sind relativ einfache Fakten, die ebenfalls niemand bezweifeln dürfte.

Im Prinzip sagt man den Käufern sparsamer, sauberer Autos damit “haha, die Dreckschleuder neben dir darf zwar nicht mehr schneller fahren, aber das Doppelte verbrauchen!”.

Statt Größe oder Verbrauch zu limitieren oder entsprechend zu sanktionieren, versucht man es aber quasi ausschließlich übers Tempo. Es gibt somit gar keinen Ansatz zu umweltfreundlicheren Fahrzeugen. Denn nur wegen eines Tempolimits kauft ja nicht plötzlich die Masse der Menschen keine zu großen und zu schweren Fahrzeuge mit viel zu viel Leistung und Verbrauch mehr. Das Beispiel USA zeigt es immer wieder.

Würde man tatsächlich die Leute zur Verbrauchsreduktion drängen wollen, gibt es andere, weit sinnvollere Mittel dafür. Die Steuern auf Sprit wären eine Variante. Vielleicht fahren dann auch noch ein paar Leute freiwillig langsamer.

Die Luftqualität insgesamt nimmt übrigens immer mehr zu. Die Messungen von Luftschadstoffen gehen laut Umweltbundesamt seit Jahren deutlich nach unten. Ganz ohne allgemeines Tempolimit.

Ein Tempolimit würde wenig bewirken, wenn auf der anderen Seite Autos immer größer und schwerer werden und auf der anderen Seite die Luft sowieso immer besser.
Merkbare Verbesserungen der Luftqualität durch das Limit, die über die allgemeinen Verbesserungen hinaus gehen, sind damit nicht zu erwarten.

Kommt man nach Deutschland, herrscht Chaos…oder?

Gerne wird in allen möglichen Diskussionen von vielen Leuten ein Vergleich gezogen zwischen deutschen Autobahnen und dem Fahren im benachbarten oder auch ferneren Ausland. Da kommen dann Aussagen, die von der letzten Urlaubsreise berichten, bei der man außerhalb Deutschlands so schön ruhig fahren konnte, aber hier quasi im Straßenkampf gelandet sei.

Ich bin in den letzten Jahren in verschiedenen europäischen Ländern sowie in den USA und Asien teils selber gefahren, teils mit anderen Leuten mitgefahren. Das Autofahren in manchen Ländern war dabei deutlich entspannender als in Deutschland, in anderen allerdings auch deutlich nerviger.

In keinem der Länder hat dazu das Tempolimit beigetragen. Wenn es woanders angenehmer zu fahren war, dann normalerweise schlichtweg, weil dort weniger Verkehr herrschte. Sobald die Verkehrsmenge anstieg, wurde es stressiger. Exakt wie in Deutschland auch.

Da wird in den Niederlanden genauso gedrängelt wie hier, da wird in Polen genauso das Tempolimit massiv überschritten. In den USA ebenfalls. Und in Taiwan fährt man eh nach der Devise “Oh, da will jemand einscheren, ich mach mal schnell die Lücke zu!”. Vielleicht nimmt manch einer all das im Ausland als weniger stressig wahr, weil viele sich dort grad im Urlaub befinden.

Eine wenig befahrene Autobahn in Deutschland ist aber ansonsten nicht schlimmer als eine wenig befahrene Autobahn in beispielsweise Dänemark.

Persönlich

Ich fahre Audi A2. 75 PS Benziner. Aus der Generation, die noch keinen Feinstaub bei der Verbrennung produziert. Relativ leicht, relativ sparsam. Auf der Autobahn dank des geringen Gewichts und des geringen Luftwiderstandes vergleichsweise schnell. Auch bei kilometerlangen Bleifußtouren beim Verbrauch nicht über die 9 Liter/100 km zu bringen.

Normalerweise fahre ich auf längeren Strecken nicht schneller als 140. Das Auto wird laut und ich habe es privat auch selten so eilig, dass es unbedingt schneller sein muss. Allerdings gibt es Tage oder Strecken, bei denen ich mal zügiger unterwegs sein möchte.

Selbst die 130 oder 140 fahre ich allerdings viel lieber auf einer unbeschränkten Strecke. Auf einer Strecke mit Tempolimit müsste ich zusätzlich zum normalen Verkehrsgeschehen, Straßen- und Wetterverhältnissen auch immer peinlich genau aufs Tempolimit achten. Ohne Tempolimit fällt schlicht ein Punkt weg, auf den man aufpassen muss.
Fährt man zwischenzeitlich für ein paar Kilometer etwas schneller, weil es so schön bergab geht, die Strecke leer ist und trocken dazu, ist es ohne Limit kein Thema, wenn dann doch 150 km/h auf dem Tacho stehen, auch wenn man eigentlich nur 130 fahren wollte. Auf limitierten Strecken kann so etwas schnell teuer werden.

Höheres Tempo fordert zudem eine höhere Anspannung. Nimmt man ein modernes, bequemes Auto mit Tempomat und ein Tempo von nur 130 oder noch weniger auf der Autobahn, steigt bei vielen Autofahrern sicherlich die Gefahr der Unaufmerksamkeit.
Die Folgen sieht man aktuell schon bei vielen LKW-Unfällen. Wer stundenlang mit geringer Geschwindigkeit durch die Lande zockelt, schaut nebenbei TV, schneidet sich die Fußnägel oder ist sonstwie abgelenkt. Im PKW bei 180 km/h käme wohl kaum jemand auf diese Idee.

Fazit

Ich würde ein Tempolimit nicht als “Angriff auf die Freiheit” sehen. Weder ginge die Welt unter, noch das Licht aus. Wie jedes Limit und jede Einschränkung sollte es aber gut und nachvollziehbar begründet sein und entsprechende positive Auswirkungen haben, die die Einschränkungen ausgleichen.

Diese positiven Auswirkungen sehe ich bei einem allgemeinen Tempolimit auf Autobahnen nicht. Weder in Sachen Sicherheit noch in Sachen Umwelt.

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10 Antworten zu Tempolimit ohne Sommerloch

  1. Klaus schreibt:

    Rechne mal nicht nur in Toten, denn aufgrund immer stabilerer Autos und immer mehr Sicherheitstechnik sorgen dafür, dass viele Unfälle, die früher tödlich waren, heute eben gute Überlebenschancen bieten.
    Es gab in 2018 20537 Verkehrsunfälle mit Personenschaden auf den deutschen Autobahnen.Also verletzte oder getötete Personen. Wenn ich es mir einfach mache und Deine Berechnung übernehme, dann kommst Du darauf, dass von den Verkehrstoten auf Autobahnen 7,82% auf überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen wären. Das übertragen hieße, dass 1.606 Unfälle auf Autobahnen, bei denen sich (mindestens) eine Person verletzt hat oder getötet wurde, auf überhöhte Geschwindigkeit zurückführen ließe.
    Ja, 1:1 übertagen lässt sich das nicht aber es macht deutlich, dass es bei der Diskussion um mehr Sicherheit durch Tempolimit nicht nur um „32 Verkehrstote“ geht, sondern um über 1.600 Verletzte/Getötete und auch über 1.600 Verkehrsbehinderungen mit Stau und Wartezeit für die anderen Autobahnnutzer.
    Nehme ich nur mal an, dass jeder Stau einen Kilometer lang ist und in diesem Kilometer 100 Autos stehen (was hieße: nur einspurig PKW an PKW…) und es eine Stunde dauert, bis sich das ganze auflöst (sehr modellhaft, da ja nicht immer voll gesperrt wird und somit die wenigsten Autofahrer ne Stunde in dem Stau stehen – dafür kommen aber von hinten immer wieder welche neu dazu…), dann könnte ein Tempolimit 1.600 Staus vermeiden mit einer Gesamtlänge von 1.600km (ca. Hamburg nach München und zurück) mit insgesamt 160.000 Fahrzeugen, die eine Stunde lang den Motor laufen lassen und deren Fahrer eine Stunde ihrer Zeit verschwenden, also 160.000 Zeitstunden (bei mehr Personen im Auto entsprechend mehr).
    Dazu über 1.600 Menschen, die keine Schmerzen haben, nicht krank geschrieben sind und keine Kosten für das Gesundheitssystem bedeuten und auch 1.600 weniger Einsätze für Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst.

    Die Raserei auf unseren Autobahnen ist ein immenser wirtschaftlicher Schaden!

    • Ingo schreibt:

      Dazu müsste man dann gegenrechnen, wie viel Schaden dadurch entsteht, dass die Leute länger unterwegs sind. Das wird mindestens genauso schwierig, denn dazu müsste man erst einmal wissen, wie viele Leute schnell fahren.
      Wenn die Leute gleich zu Hause geblieben wären, wäre übrigens auch kein Stau entstanden. Dummerweise ist das für die meisten Leute auch keine Alternative.
      Die Benutzung des Wörtchens „Raserei“ nimmt allerdings leider auch immer weiter zu. Ein LKW kann mit 80 Sachen in ein Stauende „rasen“, wenn man den Meldungen in der Presse so glaubt. Man sollte vielleicht „Raserei“ nicht so übermäßig verwenden, sonst nutzt es sich ab. Wie viele Unfälle jetzt tatsächliche „Raser“-Unfälle waren, d.h. wo ein Tempolimit oder die durch Verkehr/Verkehrsführung angemessene Geschwindigkeit massiv überschritten wurde, wird m.E. nirgendwo getrennt erfasst.

      • Klaus schreibt:

        Es gibt eine durchaus interessante Studie des Landes Brandenburg: Dort hat man 17,2 Mio. € errechnet, die durch längere Fahrtzeiten als zusätzliche Kosten entstehen würden. Dem stünden aber 22,5 Mio. € geringere Unfallkosten gegenüber. Für Brandenburg würde dies eine Kostenreduktion um ca. 23% bedeuten.
        Aus persönlichen Erfahrungen kann ich (selbstverständlich rein subjektiv, bin allerdings seit Jahren Vielfahrer, darunter auch eine „Stammstrecke“ mit ca. 500km mehrfach im Jahr) sagen, dass eine deutliche Überschreitung der Richtgeschwindigkeit (also 160+X) eigentlich nur dann zu einer deutlichen Verringerung meiner Fahrtzeit geführt hat, wenn die Autobahnen nahezu frei waren. Sobald etwas dichterer Verkehr war, hat das andauernde Abbremsen und Beschleunigen eher dafür gesorgt, dass ich für 10-15 Minuten früher ankommen (bei einer Gesamtfahrtzeit von 5 Stunden) deutlich unentspannter und erschöpfter ankam und gleichzeitig für 10-15 Euro mehr Sprit verbraucht habe, was unserer Umwelt und dem Klima nicht zugute kommt.
        Dass ein generelles Tempolimit uns 2 Millionen Tonnen CO2 einsparen wird (was 2% des CO2-Ausstoßes des PKW-Verkehrs in D sind), streitet nämlich nicht mal der ADAC ab.

        Ansonsten finde ich es schade, wenn Du Dich jetzt am Wörtchen „Raserei“ aufhängst. Ich kenne so etwas vor allem aus Diskussionen, wenn einer Seite die Fakten ausgehen. Dann stellt man Begrifflichkeiten in den Vordergrund anstatt bei der eigentlichen Thematik zu bleiben. Und die wäre hier: Ein Tempolimit auf Autobahnen reduziert den CO2-Ausstoß, reduziert den Spritverbrauch, reduziert die Unfallzahlen und harmonisiert den Verkehr! Es spricht kein einziges Argument gegen ein Tempolimit.

      • Ingo schreibt:

        Nachdem du leider keine Quellen angegeben hast, hab ich mir die Studie mal rausgesucht: https://mil.brandenburg.de/sixcms/detail.php/568417
        Ein paar Dinge sind bemerkenswert. Man sieht zwar, dass es einen Rückgang der Unfallzahlen nach Einführung des Tempolimits gegeben hat – es gab aber auch in den Jahren davor normalerweise einen Rückgang der Unfallzahlen. Er mag in dem Jahr etwas stärker ausgefallen sein, aber das kann auch z.B. an Witterungsbedingungen gelegen haben. Leider sind keine längerfristigen Zahlen dazu angegeben.

        Zudem wird zur Berechnung der Fahrtkosten ein interessanter Wert genommen: man rechnet 5,22 EUR pro PKW pro Stunde basierend auf einer Empfehlung aus dem Jahr 1997. Man hat also bei der Erstellung der Studie vor 12 Jahren schon mit Zahlen gearbeitet, die damals 10 Jahre alt waren. Vermutlich dürfte das alles heutzutage also vorne und hinten nicht mehr passen.

        Dass man nur dann schnell fahren kann, wenn die Bahn entsprechend frei ist, sollte klar sein. Meine längeren Touren lege ich aus dem Grund normalerweise in die verkehrsarmen Zeiten. Dass man erschöpfter ankommt, ist dabei absichtlich mit einkalkuliert. Das heißt nämlich auch, dass man während der Fahrt angespannter und damit auch aufmerksamer war. Wer über lange Zeit mit 120 oder 130 gemütlich eine schnurgerade Autobahn bei wenig Verkehr fährt, läuft deutlich eher Gefahr unaufmerksam zu werden oder einzuschlafen. Kein Mensch wird auf die Idee kommen, bei konzentrierten 200 km/h zu essen, zu trinken oder die Landschaft zu bestaunen. Ein gemütliches Zockeltempo verleitet viel eher dazu.
        Ich finde es nebenbei deutlich unentspannter, jederzeit mit einem Ticket rechnen zu müssen, nur weil ich mal für fünf Minuten nicht exakt das Tempo eingehalten habe, da Verkehrsfluss, Wetter und Strecke dazu verleitet haben, halt mal ein paar km/h schneller zu fahren. Selbst wenn ich nur 130 fahren will (und dann halt irgendwas zwischen 120 und 150 fahre), fahre ich das deutlich entspannter, wenn da kein Limit ist. Bei limitierten Strecken kommt halt zu all den Dingen, auf die man sowieso jederzeit als Autofahrer achten muss, noch eine weitere Sache dazu.

        Und bei den Spritkosten wären wir wieder bei dem Punkt, den ich eh schon lange kritisiere: man möchte weniger CO2, also muss man etwas gegen Spritverbrauch unternehmen. Man unternimmt aber rein gar nichts direkt gegen den Spritverbrauch mit einem Tempolimit. Du kannst mit deinem Auto weiterhin verbrauchen was du willst. Hauptsache du machst es bei langsamen Geschwindigkeiten. Das ist Unsinn. Ich habe ein leichtes, sparsames Auto. Warum darf ich nicht den dadurch entstehenden Verbrauchsvorteil insofern nutzen, als dass ich schneller fahren darf als jemand mit einem schweren, großen, viel verbrauchenden Auto?

        Angeblich 2% des CO2 Ausstoßes des PKW Verkehrs weniger soll das bringen. Und dann kommt noch der sonstige Verkehr dazu. Rechnet man es auf den Ausstoß des gesamten Verkehrs um, bleibt quasi nichts mehr übrig.

  2. Klaus schreibt:

    Zuerst einmal: der betrachtete Zeitraum der Brandenburg-Studie geht über 3 Jahre ohne Tempolimit und 3 Jahre mit Tempolimit, um eben externe Einflüsse auszublenden. Es gibt zu dieser Erfassung auch die Aussage, dass unter Einbeziehung der generell sinkenden Unfallzahlen immer noch ein Absinken der Unfallzahlen um 25% zu Buche steht.
    Zu den angesetzten Kosten kann ich tatsächlich nichts genaues sagen, da ich eben kein Verkehrsexperte bin. Ob und wie die sich erhöht haben und in welchem Verhältnis dazu die Unfallkosten gestiegen sind, können wir beide nicht sagen. Allerdings lassen diese Zahlen zumindest die Annahme zu, dass eine langsamere Fahrweise nicht keine höheren Kosten verursacht werden. Und selbst wenn: wenn dadurch aber 25% weniger Menschen ihr Leben verlieren oder von schweren Verletzungen verschont bleiben, dann wäre es durchaus gerechtfertigt, wenn die deutsche Volkswirtschaft einige Millionen Euro an Kosten dafür trägt.

    Dein nächster Abschnitt ist eine Mischung aus persönlicher Befindlichkeit und Humbug:
    1. Du willst einfach nur das Recht haben, trotz 130 km/h auch mal 140 oder 150 zu fahren. Das ist kein faktenbasiertes Argument, sondern du schlägst damit einfach nur in die Kerbe, dass ein Tempolimit Dir Deine Freiheit rauben würde.Wie machst Du das auf Bundesstraßen? Auch dort gibt es genügend Streckenabschnitte und Situationen, in denen man durchaus auch 110 oder 120 fahren könnte. Auch dort darfst Du es nicht!
    Abgesehen davon wäret Du eventuell bereit, hauptsächlich 130 zu fahren und nur anlassbezogen mal etwas schneller. Aber genügend andere Verkehrsteilnehmer sind dazu nicht bereit. Wir können aber kein Tempolimit erlassen, dass 130 vorschreibt aber begründete Ausnahmen zulässt.
    2. Wenn ein gemütliches Zockeltempo tatsächlich – wie du unterstellst – für weniger Aufmerksamkeit sorgen würde, während ein höheres Tempo beim Fahrer für eine konzentriertere Fahrweise verantwortlich wäre, dann müsste man dies ja in den Unfallstatistiken sehen. Aber nein: auf tempobegrenzten Strecken reduzieren sich die Unfallzahlen und auch die Zahlen der schweren Unfälle, der schwer verletzten und der getöteten Unfallopfer. Es gibt keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass „Zockeltempo“ für eine Erhöhung des Unfallrisikos sorgen würde.

    Thema Spritverbrauch: ja, es gibt dennoch immer noch die großen, spritfressenden Fahrzeuge. Und ja, gegen diese müssen wir auch auf andere Art und Weise vor gehen. Dennoch trägt ein Tempolimit eben dazu bei, dass so ein Waldrandfahrzeug weniger Sprit auf der Autobahn verbraucht als wenn solche Fahrzeuge dort bis zum Bodenblech durchgeprügelt werden.
    Natürlich relativiert es den Spritspareffekt auf der Autobahn, wenn gleichzeitig immer mehr große Spitfresser auf unseren Straßen unterwegs sind. Das ist aber kein Argument gegen ein Tempolimit sondern zeigt eher, dass dieses nur ein Baustein unter mehreren sein kann. Es ist aber ein nicht zu vernachlässigenbarer Baustein, denn 2% Einsparung an CO2 (und damit an Sprit) ist bereits bezogen auf die Fahrzeugflotte von 2019 und zeigt, dass wir einsparen, obwohl zu dieser 2019-er Fahrzeugflotte schon sehr viele SUV gehören.

    Zusammengefasst:
    – die volkswirtschaftliche Kostenrechnung spricht eher für ein Tempolimit. Selbst, wenn neuere Daten diese Berechnung ändern würden, läge der Negativwert für ein Tempolimit aufgrund der geringeren Anzahl an Unfällen mit Personenschäden deutlich im akzeptablen Bereich.
    – Es gibt keinerlei Hinweise für eine erhöhte Unfallwahrscheinlichkeit bei langsameren Tempo aufgrund unaufmerksamerer Autofahrer. Die sinkenden Unfallzahlen bei Tempolimits sprechen eine ganz andere Sprache.
    – Es existiert eine rechnerisch nachweisbare und durch die Autofahrerlobby auch anerkannte Reduzierung des Spritverbrauchs und des CO2-Ausstoßes im signifikanten bereich. Dass dies jedoch nicht der einzige Schritt hin zu einem umweltfreundlicheren Individualverkehr sein kann, liegt auf der Hand.

    • Ingo schreibt:

      Nein, ich will nicht trotz Limit schneller fahren. Ich will Limits dort, wo sie aus Gründen von Sicherheit oder meinetwegen Lärmschutz sinnvoll sind. Im besten Fall will ich dynamische Limits auf Basis von Verkehrslage und Wetter. Ich hab kein Problem mit sinnvollen Limits.
      Ich hab auch kein Problem damit, wenn ganz viele Leute langsam fahren wollen. Können sie ja auch machen. Hindert sie keiner dran. Schlechtes Benehmen auf der Strecke hat meist nichts mit dem Tempo sondern mit dem Typus des Fahrers zu tun.

      Was CO2 angeht: Man kann davon ausgehen, dass niemand freiwillig länger unterwegs ist als nötig. Somit wollen eigentlich alle Leute so zügig wie möglich zum Ziel. Wie zügig sie es wollen, sollte im Rahmen der oben genannten Limits jeder selber entscheiden. Wofür ich mein persönliches CO2 Budget verpulvere, sollte meine Sache sein. Ich will den Leuten nicht das Fliegen verbieten, obwohl ich privat drauf verzichte. Ich will den Leuten nicht sonstige CO2-intensiven Hobbies verbieten, auch wenn ich sie nicht teile. Ich sehe nur nicht ein – nenne das meinetwegen persönliche Befindlichkeit – wenn es an bestimmten Stellen Einschnitte gibt ohne signifikante Wirkung (klar, wenn man es sich schönrechnet, kommen 2% raus – aber halt auch nur dann) und an anderen Stellen nach Herzenslust verschwendet werden kann und darf.
      Zudem sollte man nicht glauben, dass das vorhandene Erdöl nicht verbrannt werden wird, wenn wir weniger davon verbrauchen. Im Gegenteil: verbrauchen wir signifikant weniger Öl, sinkt der Preis aufgrund geringerer Nachfrage. Damit steigt die Nachfrage dann halt in an deren Ländern, da es wieder günstiger ist, Öl zu nutzen. Das geht so lange weiter, bis das Öl verbraucht ist. Irgendwer wird es in die Athmosphäre pusten.

      Es gibt vermutlich schlicht keine Untersuchung darüber, wie die Aufmerksamkeit bei geringerem Tempo sinkt. Aber einen guten Vergleich hätte ich: es wird immer wieder berichtet, dass LKWs ungebremst auf ein Stauende auffahren. Die fahren nur 80 bis 90. Stundenlang. Nebenbei schauen sie TV, aufs Handy, lesen, schneiden sich die Fußnägel. Die Unfallfolgen sind massiv und man kann sowas an vielbefahrenen Strecken z.B. mit Staus durch Autobahnbaustellen ständig wieder erleben, dass solche Unfälle passieren. Das ist genau die Unaufmerksamkeit, die durch stundenlanges ödes Fahren mit niedriger Geschwindigkeit passiert.

      In Ländern mit Tempolimit und langen Entfernungen, führt das Tempolimit übrigens zu einem genau umgekehrten Effekt: die Leute kaufen sich größere Autos. Man muss ja schließlich mehr Zeit im Auto verbringen, also muss es noch leiser und bequemer sein. Bestes Beispiel sind die USA. Die sind ja trotz durchgängigem Tempolimit nun nicht als Land der Kleinwagen bekannt. Und mehr Leistung brauchts auch. Denn wenn man schon nicht so schnell fahren darf, will man wenigstens schnell beschleunigen.

      Ich bin früher hin und wieder mal die Strecke Bremen -> Stuttgart und retour gefahren. Das sind so etwa 620 km. Bei freier Strecke unter Beachtung der vorhandenen Limits schafft man da etwa einen Schnitt von 140 km/h. Macht gut viereinhalb Stunden. Würden die freien Strecken auf 130 limitiert, würde ich eher von einem Schnitt von 100 km/h ausgehen. Macht knapp sechseinhalb Stunden. Ich empfinde das schon als deutlichen Unterschied. Verbessern könnte man das, würde man diverse Strecken, die jetzt auf 100 oder 120 limitiert sind, dann auf 130 hochsetzen. Aber normalerweise wird in Deutschland kein ein Mal gesetztes Limit wieder hochgesetzt. Und selbst dann erreicht man halt niemals einen Schnitt, der auch nur in die Nähe der 130 kommt.

      • Klaus schreibt:

        Wo sind die 2% denn schön gerechnet? Schau mal beim ADAC zu dem Thema: selbst die erkennen diese Zahl ohne Widerspruch an! Und die sind nun wirklich nicht im Verdacht, sich Argumente gegen den Autoverkehr schön zu rechnen. Die 2% weniger CO2 sind eine anerkannte Größe!
        Und da wir eben nicht den einen erlauben können, mit ihren kleinen Fahrzeugen schnell zu fahren, weil sie nicht fliegen, während wir großen Fahrzeugen oder Menschen mit CO2-trächtigen Hobbys ein Tempolimit auferlegen, müssen wir eben ein Limit setzen, dass alle gleich trifft.

        Und zum Spritverbrauch: Das ist ja wieder das übliche Argument: „Warum sollen wir etwas tun, die anderen machen ja auch nix oder werden noch schlimmer!“ Genau wie: „Ich fliege in den Urlaub weil der Flieger auch ohne mich geflogen wäre. Das macht ja keinen Unterschied, wenn ich verzichtet hätte!“

        Zum Thema Aufmerksamkeit: Es gibt bereits viele Strecken in Deutschland, die ein Tempolimit haben und dort sind keine erhöhten Unfallzahlen aufgetreten. Ganz im Gegenteil: nachweislich sinken die Unfallzahlen bei einem Tempolimit. Also selbst wenn die Aufmerksamkeit von Autofahrern bei 130 km/h sinken würde, spricht die Unfallbilanz immer noch für das Tempolimit!
        Außerdem ist es ganz schön perfide, zu sagen: die Menschen verhalten sich dann eher falsch, also lassen wir das lieber…

        Zu den großen Autos: die kaufen sich die Menschen doch aktuell eh. Niemand wird jetzt vom Klein- oder Mittelklasse-Wagen auf einen SUV oder ähnliches umsteigen, nur weil ein Tempolimit käme. Wer sich so ein Auto leisten kann und leisten will, macht das auch dann, wenn er weiterhin mit 200 Sachen fahren darf. Dazu benötigt es andere Regelungen, zum Beispiel über die KFZ-Steuer, über die Benzinpreise oder über ein Maut-System.

        Zum Schluss: Stuttgart – Bremen in 4 1/2 Stunden? Ca. 400 km Deiner Strecke gehören zu meiner Stammstrecke (seit 12 Jahren mindestens 1mal im Monat) und rein rechnerisch wäre bei 140 im Schnitt diese Strecke unter 3 Stunden machbar, jedoch sind ein Schnitt von 140 einfach utopisch. Dafür gibt es bereits zu viele Tempolimits auf der Strecke. Und dann noch 220 km mehr in 1 1/2 Stunden? Nicht, bei den bereits existierenden Tempolimits! Da musst du schon sehr konsequent überall wo möglich 180 oder mehr fahren, um das zu erreichen! aber okay, wenn Du das geschafft hast, dann Glückwunsch.
        Jedoch spielt das für diese Diskussion keine Rolle, denn die frage ist tatsächlich, wann man diese 4 1/2 Stunden überhaupt schaffen kann: Mitten in der Nacht am Wochenende, wenn weder großartig Individualverkehr noch LKW unterwegs sind. Also zu Zeiten, in der eh wenig Menschen im Auto sitzen. Davon auch noch die wenigsten beruflich oder wenn, dann zumindest eher weniger unter Zeitdruck (betrifft da eher die ganzen weißen Transporter, die aber eh keine 180 schaffen). Ja, in einer Zeit, in der es außer eine persönliche Vorliebe fürs „schnell ankommen“ nur bei den wenigsten Menschen einen relevanten Grund gibt, warum sie nicht 6 statt 4 Stunden fahren sollten. Denn auch da zählt mindestens wieder das Umweltargument (denn so schnell zu fahren bringt durchaus einen ordentlichen Mehrverbrauch mit sich) und dann auch das Aufmerksamkeitsargument: die wenigsten Fahrer sind mitten in der Nacht körperlich so topfit, dass sie in einer Langzeitbelastung 180 km/h wirklich sicher fahren können!
        Zu „normalen“ Autofahrerzeiten (nicht mal die Vielverkehrszeiten) wirst Du die Strecke definitiv nicht mit Schnitt 140 fahren können! Da relativiert sich der Zeitgewinn ganz schnell. Für die breite Masse der Autofahrer fällt Dein Zeitargument deutlich weniger Gewicht.

        Es bleibt dabei: Du konntest immer noch kein Argument liefern, warum wir kein Tempolimit einführen sollen. Du versuchst einzig und allein die durch Studien und Praxisnachweise bestehenden Vorteile zu relativieren. Für die Umwelt ist es definitiv besser, egal ob wir uns am Ende auf 1%, 1,%, 2% oder 2,5% CO2-/Spriteinsparung einigen. Die Unfallzahlen werden signifikant verringert, auch die Anzahl der schwer Verletzten oder sogar Toten sinkt. Auch hier egal, ob es 10% oder 25% weniger sind. Insgesamt entwickelt sich der Verkehr bei geringeren Geschwindigkeiten harmonischer und gleichmäßiger, wodurch die Staugefahr (abgesehen von Unfall- oder Baustellenstaus) reduziert.
        Dafür werden Fahrten über bisher frei gegebene Abschnitte länger, was sich aber vor allem in Randzeiten und bei längeren Fahrten wirklich bemerkbar macht. Zu anderen Zeiten halten sich volkswirtschaftlich die Auswirkungen des aktuellen Stands und eines bundesweiten Tempolimits weitgehend die Waage.

      • Ingo schreibt:

        Die Problematik mit solchen Angaben wie den 2% ist, dass einerseits die Relation so gewählt ist, dass die Zahl vergleichsweise groß wirkt und andererseits nachher eh niemand wirklich überprüfen kann, ob diese vermutete Zahl auch wirklich erreicht wurde, da das am Ende ja eh alles auf Schätzungen und Berechnungen basiert. Man vergleicht die vermutete Senkung des Ausstoßes natürlich nicht mit dem gesamten Straßenverkehr, sondern halt auch nur mit dem PKW Verkehr. Täte man das stattdessen, hätte man vermutlich eine Null vor dem Komma und die völlige Irrelevanz solch einer Einschränkung würde deutlich. Zu anderen Zeiten wird dann aber gerne wieder der Ausstoß des gesamten Verkehrs als Grundlage verwendet, wenn es die Zahlen besser aussehen lässt.

        Die Stuttgart-Tour in der Zeit war genauso ein Extrembeispiel, wie wenn manche Leute berichten, dass sie 200 km Strecke fahren, davon nur 20 km Autobahn und dann den völlig überraschenden Schluss ziehen, dass es ihnen überhaupt nichts gebracht hätte, wenn auf der Autobahn kein Tempolimit geherrscht hätte und man doch überall ein Tempolimit einführen könne. Natürlich erreicht man tagsüber nicht solch einen Schnitt. Ich nehme auch nicht an, dass es auf der Strecke heute weniger Tempolimits sind als damals. Insofern weiß ich nicht, ob man diese Zeiten überhaupt noch erreichen könnte. Aber ich ich oben schon schrieb: natürlich plane ich die Fahrten in Zeiten, wo nichts los ist, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.

        Nachdem der Flugverkehr über Deutschland ja sowieso weiterhin ungebremst zunimmt, wird vermutlich der eine oder andere Autofahrer in Zukunft überlegen, längere Stecken einfach mit dem Flugzeug zu unternehmen. Wenn man schon nicht flexibel ist wie mit dem Auto, dann ist man wenigstens schnell da.
        Nebenbei: mindestens einmal im Monat 400 km Strecke (oder sogar mehr, denn die 400 km waren ja nur die, die sich mit mir überschnitten) seit 12 Jahren? Das macht eine ganze Menge CO2 über die Zeit. Dürfte deutlich über dem normalen CO2 Budget liegen. Dürfte auch deutlich über meinem CO2 Budget liegen, selbst wenn ich mal mit Bleifuß auf der Autobahn unterwegs bin. Wenn du forderst, ich solle aus Umweltgründen langsamer fahren, obwohl du deutlich mehr CO2 produzierst, wirkt das schon ein wenig seltsam.

        Zumindest wird nicht, wie die Grünen einmal manchmal weismachen wollen, plötzlich Deutschland das Land der geringer motorisierten Autos werden, weil man auf den Autobahnen nicht mehr schnell fahren darf. Das ist ja auch ein gern gebrachtes Argument, man bräuchte dann ja nicht mehr so viel Leistung. Braucht man jetzt auch nicht, ändert sich also wenig.

        Zusätzliche Kosten durch Steuern und Abgaben treffen diejenigen massiv, die es eh nicht so dicke haben. Die werden aber momentan auch keinen 400 PS SUV mit 230 über die Bahn scheuchen. KFZ Steuern, Benzinpreise oder Maut sind also Themen, die man vorsichtig behandeln sollte, wenn man nicht noch mehr Menschen zu den Rechten treiben möchte, welche keine Alternative sind, obwohl sie sich so nennen.

        Übrigens: eigentlich müsste ich gar keine Argumente für oder gegen irgendwas liefern, denn ich will ja nichts einschränken. Diejenigen, die etwas einschränken wollen, die müssen dafür Argumente liefern – und zwar solche, die die Einschränkung wirklich rechtfertigen. Eine CO2 Einsparung im kaum relevanten Bereich und möglicherweise ein paar Verkehrstote weniger im Jahr sind für mich persönlich keine Argumente, die gut genug sind, um so eine Einschränkung umzusetzen. Ich mag die aktuelle große Koalition nicht, aber immerhin da scheint man es zum Glück bisher ähnlich zu sehen.

  3. Klaus schreibt:

    Ich habe hier genügend Argumente gebracht und in der allgemeinen Diskussion um Tempolimits gibt es sicher noch weitere bzw. genauer belegte Argumente.
    Argument 1: Weniger Unfälle, weniger verletzte und getötete Unfallopfer, weniger Sachschaden
    Argument 2: insgesamt harmonisierter Verkehr durch geringeres und vor allem gleichmäßigeres Tempo der Autofahrer
    Argument 3: Weniger CO2-Ausstoß und weniger Spritverbrauch und damit besser für die Umwelt

    Dies mögen für Dich keine Argumente sein, sie sind es aber. Und frag mal einen der Verkehrstoten, der aufgrund von überhöhter Geschwindigkeit nun tot ist, ob der sich nicht nachträglich ein Tempolimit wünschen würde. Oder das Unfallopfer, dass nach dem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen ist. Oder auch nur den „Raser“, der zwar aus dem von ihm verschuldeten Unfall mit nur einigen kleineren Blessuren raus gekommen ist, nun aber 3 Menschen auf dem Gewissen hat und nachts nicht mehr schlafen kann!

    Du musst nun wirklich keine Argumente für ein Beibehalten der Richtgeschwindigkeit bringen, jedoch wäre es in einer Diskussion hilfreich, wenn Du wenigstens die Argumente der „Gegenseite“ entkräften würdest. Du versuchst zwar die inzwischen sehr weit gehend anerkannten Zahlen zu relativieren, bleibst dabei aber auch nur im Bereich der Schätzungen (Umwelt) und eher wirr anmutenden Schlussfolgerungen („geringeres Tempo = geringere Aufmerksamkeit = mehr Unfälle), die durch die bisherigen Studien und Zahlen in keiner Weise gedeckt werden.

    Darüber hinaus ignorierst Du, dass alle Tempolimitbefürworter auch in anderen Bereichen Handlungsbedarf sehen: Nein, ein Tempolimit führt nicht dazu, dass plötzlich keine 400PS-SUV mehr gekauft werden. Aber kein Tempolimit reduziert die Kaufanreize eben auch nicht. Dafür soll und muss es andere Einschränkungen geben.

    Am besten wird es aber, wenn Du mein Fahrverhalten mit einbeziehst: ich kann ja durchaus für ein Tempolimit sein, auch wenn ich oft und viel Autobahn fahre. Weißt Du, was ich gegen meinen CO2-Fußabdruck mache? Weißt Du, wo ich an anderen Stellen dann versuche, meine Bilanz auszugleichen? Ich habe mir gerade wegen der Strecke vor 2 Jahren einen Hybrid (Prius) gekauft und ich versuche so weit wie möglich nur noch 120 – 130 zu fahren. Aber gerade letzteres schaffe ich nicht immer, weil ich auf manchen 2-spurigen Teilstrecken entweder links mit ca. 150-160 mitschwimmen muss oder rechts zwischen den LKW herumzuckel. Auch da würde mir persönlich ein Tempolimit entgegen kommen.

    Und um nun ein Fazit zu ziehen (und dabei beziehe ich mich sinngemäß auf Dein Fazit aus Deinem Blogbeitrag):
    Es gibt gute und nachvollziehbar begründete Argumente für ein Tempolimit mit entsprechenden positiven Auswirkungen.
    Bisher das einzige Argument der Gegner (und das kommt an einigen Stellen auch bei Dir raus) ist der „Angriff auf die Freiheit“, nämlich der Wunsch, zumindest manchmal gegen die Limits verstoßen zu dürfen und auf langen Strecken Zeit zu sparen.
    Die positiven Auswirkungen auf Sicherheit und Umwelt gibt es! Sie sind aber eben noch kein Allheilmittel sondern nur ein Baustein im großen Ganzen!

    • Ingo schreibt:

      Jetzt drehen wir uns im Kreis. Nein, ich will nicht manchmal gegen Limits verstoßen. Ich will, dass es so wenig Limits wie möglich und so viele wie nötig gibt. Das hat wenig mit Freiheit zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand. Alles ist irgendwo schädlich oder gefährlich. Es kommt auf die Menge an. Die aktuellen Zahlen für Verletzte und Tote auf Autobahnen ohne Tempolimit sind in Vergleich zum Verkehrsaufkommen winzig. Die Argumentation, wenn man das Tempo immer weiter limitieren würde, könne man diese Zahlen noch weiter drücken, kann man beliebig fortführen. Bei Tempo 30 auf der Autobahn würden noch weniger Unfälle passieren.

      Am Ende ist es typisch: für dich sind 120 oder 130 genug und sinnvoll, also soll das für jeden genug und sinnvoll sein. Die Fahrradfahrer oder ÖPNV-Befürworter argumentieren ähnlich. Sie selber brauchen kein Auto, also brauchen gefälligst alle sonst auch kein Auto.
      Ich rauche nicht und trinke fast keinen Alkohol. Wenn es nach mir ginge, könnte man als Rauchen und Alkohol generell verbieten. Stört mich nicht. Hat bestimmt ganz viele positive Auswirkungen. Weniger Krebstote, weniger Verletzte bei Schlägereien. Möglicherweise werde ich ja vom Passivrauchen krank oder von einem Betrunkenen zusammengeschlagen. Also: alles verbieten. Man geht von 74.000 Todesfällen pro Jahr wegen Alkohol aus. Wie viele Tote hatten wir noch mal insgesamt auf Autobahnen, unabhängig vom Tempolimit?

      Ich spare CO2 dadurch, dass ich gerade kein neues Auto kaufe und mein altes Auto so lange fahre, wie es möglich ist. Aktuell ist es gut 18 Jahre. Das nennt sich Nachhaltigkeit. Und hin und wieder bewege ich es ganz legal schneller als 130. Und hoffe, dass das noch lange möglich sein wird.

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