Tempolimit ohne Sommerloch

Normalerweise habe ich im Blog ja eher technische Themen aus Richtung IT, meist mit Thema Windows. Heute soll es mal um ein ganz anderes Thema gehen.

Das Thema “Tempolimit auf deutschen Autobahnen” war in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mal wieder ein Sommerloch-Thema. Wenn man gar nichts mehr zu schreiben hatte, brachte bestimmt irgendjemand die Thematik Tempolimit wieder ans Tageslicht – meist aus zwei verschiedenen Gründen: Sicherheit und Umweltschutz.

Schnell kochen beiderseits die Emotionen hoch und die Ablehnung des Tempolimits wird von den Befürwortern gerne mit der Situation des Waffenrechts in den USA verglichen. Eine Einschränkung der Rechte und Freiheiten von Menschen sollte immer wohl überlegt sein, egal um welche Thematik es nun geht.
Wenn man etwas einschränken will, soll dies ja positive Auswirkungen haben. Bei den Waffen wäre die gewünschte Auswirkung, dass es weniger Tote durch Schusswaffengebrauch geben sollte. Bei einem kurzen Vergleich der USA mit anderen Ländern ist die Behauptung nachvollziehbar. Überall dort, wo es ein scharfes Waffenrecht gibt, liegt die Anzahl an Verbrechen mit Schusswaffen massiv niedriger. Die Einschränkung der Menschen in der Freiheit, Waffen zu besitzen und zu tragen, dürfte in dem Fall also gerechtfertigt sein.

Aber es soll ja ums Tempolimit gehen. Und somit wäre die Frage, welche deutlichen Verbesserungen man durch solch ein Limit erwarten kann, die die Einschränkungen rechtfertigen würden.

Sicherheit

Aktuelle Zahlen zur Sicherheit auf den Straßen gibt es bei der WHO. Hier werden allerdings nicht nur Autobahnen erfasst, sondern das gesamte Straßennetz.

Ein allgemeines Tempolimit, auch auf Autobahnen, müsste sich eigentlich trotzdem insgesamt positiv bemerkbar machen. Vergleicht man mit unseren Nachbarn, insbesondere mit Ländern ähnlicher Größe, ergibt sich ein anderes Bild.

Angegeben werden Tote pro 100.000 Einwohner.

Deutschland 4,1
Frankreich 5,1
Belgien 5,8
Polen 9,7
Österreich 5,2
Tschechien 5,9
Niederlande 3,8
Schweiz 2,7
Luxemburg 6,3
Dänemark 4,0

Alle Länder um uns herum haben ein Tempolimit. Trotzdem sind die Zahlen der Verkehrstoten ist den meisten dieser Länder deutlich höher, in manchen ähnlich und nur ein einziges Land, die Schweiz, liegt deutlich darunter.

Schauen wir mal auf die konkreten Zahlen für Deutschland. Die für 2018 sind noch nicht verfügbar, aber die Zahlen für 2017 sind schon schön aufbereitet zu finden. Demnach gab es auf deutschen Autobahnen insgesamt 409 Verkehrstote. Geht es ums Tempolimit, können wir getötete LKW-Fahrer außen vor lassen und konzentrieren uns auf die PKW Fahrer. 215 Menschen sind dies, die im Pkw auf Autobahnen in Deutschland 2017 ums Leben kamen.

Es finden sich nirgendwo Informationen darüber, welche dieser Unfälle bei einem Tempo über 130 km/h stattfanden. Auch geben die Daten nicht her, welche Unfälle bei einem Tempolimit hätten vermieden oder wo die Auswirkungen verringert hätten verringert werden können.
Die Daten geben allerdings her, dass die Anzahl der getöteten Autofahrer von 1991 bis 2017 überdurchschnittlich gesunken ist. Trotz einer teils massiven Zunahme des Verkehrs.

Bei 24% der getöteten Autofahrer insgesamt stand nicht angepasste Geschwindigkeit als Grund fest. Allerdings findet sich hier keine Abstufung nach Straßentyp. Da die Unfallhäufigkeit auf Autobahnen weit geringer ist als auf z.B. Landstraßen, wird die Verteilung hier deutlich unterschiedlich sein.

“Nicht angepasste Geschwindigkeit” kann auch bedeuten, dass jemand bei Regen 100 fuhr und das eben für die Menge an Wasser auf der Straße zu schnell war. Allerdings lässt sich nicht aus den Zahlen lesen, wo “nicht angepasste Geschwindigekeit” tatsächlich hießt, dass das Tempo über 130 km/h lag und dann der Situation eben nicht angepasst war. Bleiben wir also mal bei diesen 24%.

Etwa 40% der deutschen Autobahnstrecken sind momentan schon mit einem Tempolimit versehen. Von den 215 Toten insgesamt sind also zumindest ein Teil davon auf Strecken ums Leben gekommen, auf denen bereits ein Limit herrscht.

Gehen wir zugunsten der Tempolimit-Befürworter davon aus, dass eine Autobahn ohne Tempolimit zu mehr Toten führt, sind wir bei etwa 160 Toten auf unbeschränkten Autobahnen. Allerdings lässt sich wie oben schon erwähnt immer noch nirgendwo herauslesen, wie viele dieser Toten durch ein Tempolimit (und vor allem auch dessen Einhaltung) vermieden worden wären.
Wenn man von einem Viertel ausgeht (die 24% der Toten durch “nicht angepasste Geschwindigkeit”), wäre man bei 40 Toten. Wie gesagt, da ist auch noch derjenige dabei, der bei Regen 100 fuhr. Die reale Zahl müsste also noch deutlich darunter liegen

40 Tote von insgesamt 3180 Verkehrstoten in Deutschland, die möglicherweise durch ein Tempolimit vermieden worden wären. Das wären am Ende 1,2%.

Geht man zugunsten der Tempolimit-Gegner davon aus, dass sich die Unfälle gleichmäßig über die limitierten und nicht limitierten Strecken verteilen, bleiben 129 Tote für die nicht beschränkten Strecken übrig. Auch hier nehmen wir dann wieder das knappe Viertel der Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit und kommen auf 32 Tote.

32 Tote von insgesamt 3180 Verkehrstoten in Deutschland wären dann 1%.

Und auch hier ist wieder derjenige dabei, der bei Regen mit Tempo 100 verunglückte, denn unsere Datenbasis ist ja weiterhin “nicht angepasste Geschwindigkeit”. Die realen Zahlen der Unfalltoten bei Tempo über 130 km/h liegen also auch hier sicherlich noch mal darunter.

Ich würde mal sagen: der Effekt des Tempolimits auf die Anzahl der Verkehrstoten wäre minimal. Die statistische Schwankung dürfte schon fast höher sein. Eine geringe Senkung könnte man vielleicht erhoffen. Signifikante Auswirkungen auf die Anzahl der Verkehrstoten wären durch ein allgemeines Tempolimit schlicht nicht zu erwarten.

Umwelt

Ein Auto, welches schneller fährt, braucht mehr Sprit. Damit stößt es mehr Abgase aus. Das sind relativ einfache Fakten, die wohl niemand bezweifelt.

Wie oben schon beschrieben sind etwa 60% der deutschen Autobahnen unbeschränkt. Das heißt allerdings nicht, dass man dort auch tatsächlich schneller als 130 km/h fahren kann bzw. dass die Masse der Autofahrer dies auch tut.
Dichter Verkehr, Wetterlage, persönliche Befindlichkeiten – viele Gründe führen dazu, es langsamer angehen zu lassen.

Ein Auto, welches mehr wiegt und größer ist, braucht ebenfalls mehr Sprit. Damit stößt es mehr Abgase aus. Auch das sind relativ einfache Fakten, die ebenfalls niemand bezweifeln dürfte.

Im Prinzip sagt man den Käufern sparsamer, sauberer Autos damit “haha, die Dreckschleuder neben dir darf zwar nicht mehr schneller fahren, aber das Doppelte verbrauchen!”.

Statt Größe oder Verbrauch zu limitieren oder entsprechend zu sanktionieren, versucht man es aber quasi ausschließlich übers Tempo. Es gibt somit gar keinen Ansatz zu umweltfreundlicheren Fahrzeugen. Denn nur wegen eines Tempolimits kauft ja nicht plötzlich die Masse der Menschen keine zu großen und zu schweren Fahrzeuge mit viel zu viel Leistung und Verbrauch mehr. Das Beispiel USA zeigt es immer wieder.

Würde man tatsächlich die Leute zur Verbrauchsreduktion drängen wollen, gibt es andere, weit sinnvollere Mittel dafür. Die Steuern auf Sprit wären eine Variante. Vielleicht fahren dann auch noch ein paar Leute freiwillig langsamer.

Die Luftqualität insgesamt nimmt übrigens immer mehr zu. Die Messungen von Luftschadstoffen gehen laut Umweltbundesamt seit Jahren deutlich nach unten. Ganz ohne allgemeines Tempolimit.

Ein Tempolimit würde wenig bewirken, wenn auf der anderen Seite Autos immer größer und schwerer werden und auf der anderen Seite die Luft sowieso immer besser.
Merkbare Verbesserungen der Luftqualität durch das Limit, die über die allgemeinen Verbesserungen hinaus gehen, sind damit nicht zu erwarten.

Kommt man nach Deutschland, herrscht Chaos…oder?

Gerne wird in allen möglichen Diskussionen von vielen Leuten ein Vergleich gezogen zwischen deutschen Autobahnen und dem Fahren im benachbarten oder auch ferneren Ausland. Da kommen dann Aussagen, die von der letzten Urlaubsreise berichten, bei der man außerhalb Deutschlands so schön ruhig fahren konnte, aber hier quasi im Straßenkampf gelandet sei.

Ich bin in den letzten Jahren in verschiedenen europäischen Ländern sowie in den USA und Asien teils selber gefahren, teils mit anderen Leuten mitgefahren. Das Autofahren in manchen Ländern war dabei deutlich entspannender als in Deutschland, in anderen allerdings auch deutlich nerviger.

In keinem der Länder hat dazu das Tempolimit beigetragen. Wenn es woanders angenehmer zu fahren war, dann normalerweise schlichtweg, weil dort weniger Verkehr herrschte. Sobald die Verkehrsmenge anstieg, wurde es stressiger. Exakt wie in Deutschland auch.

Da wird in den Niederlanden genauso gedrängelt wie hier, da wird in Polen genauso das Tempolimit massiv überschritten. In den USA ebenfalls. Und in Taiwan fährt man eh nach der Devise “Oh, da will jemand einscheren, ich mach mal schnell die Lücke zu!”. Vielleicht nimmt manch einer all das im Ausland als weniger stressig wahr, weil viele sich dort grad im Urlaub befinden.

Eine wenig befahrene Autobahn in Deutschland ist aber ansonsten nicht schlimmer als eine wenig befahrene Autobahn in beispielsweise Dänemark.

Persönlich

Ich fahre Audi A2. 75 PS Benziner. Aus der Generation, die noch keinen Feinstaub bei der Verbrennung produziert. Relativ leicht, relativ sparsam. Auf der Autobahn dank des geringen Gewichts und des geringen Luftwiderstandes vergleichsweise schnell. Auch bei kilometerlangen Bleifußtouren beim Verbrauch nicht über die 9 Liter/100 km zu bringen.

Normalerweise fahre ich auf längeren Strecken nicht schneller als 140. Das Auto wird laut und ich habe es privat auch selten so eilig, dass es unbedingt schneller sein muss. Allerdings gibt es Tage oder Strecken, bei denen ich mal zügiger unterwegs sein möchte.

Selbst die 130 oder 140 fahre ich allerdings viel lieber auf einer unbeschränkten Strecke. Auf einer Strecke mit Tempolimit müsste ich zusätzlich zum normalen Verkehrsgeschehen, Straßen- und Wetterverhältnissen auch immer peinlich genau aufs Tempolimit achten. Ohne Tempolimit fällt schlicht ein Punkt weg, auf den man aufpassen muss.
Fährt man zwischenzeitlich für ein paar Kilometer etwas schneller, weil es so schön bergab geht, die Strecke leer ist und trocken dazu, ist es ohne Limit kein Thema, wenn dann doch 150 km/h auf dem Tacho stehen, auch wenn man eigentlich nur 130 fahren wollte. Auf limitierten Strecken kann so etwas schnell teuer werden.

Höheres Tempo fordert zudem eine höhere Anspannung. Nimmt man ein modernes, bequemes Auto mit Tempomat und ein Tempo von nur 130 oder noch weniger auf der Autobahn, steigt bei vielen Autofahrern sicherlich die Gefahr der Unaufmerksamkeit.
Die Folgen sieht man aktuell schon bei vielen LKW-Unfällen. Wer stundenlang mit geringer Geschwindigkeit durch die Lande zockelt, schaut nebenbei TV, schneidet sich die Fußnägel oder ist sonstwie abgelenkt. Im PKW bei 180 km/h käme wohl kaum jemand auf diese Idee.

Fazit

Ich würde ein Tempolimit nicht als “Angriff auf die Freiheit” sehen. Weder ginge die Welt unter, noch das Licht aus. Wie jedes Limit und jede Einschränkung sollte es aber gut und nachvollziehbar begründet sein und entsprechende positive Auswirkungen haben, die die Einschränkungen ausgleichen.

Diese positiven Auswirkungen sehe ich bei einem allgemeinen Tempolimit auf Autobahnen nicht. Weder in Sachen Sicherheit noch in Sachen Umwelt.

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