Ach Edge, ich hab’s ja versucht mit dir…

Ich war das. Der eine Nutzer, der tatsächlich in Windows 10 den Edge Browser genutzt hat. Zumindest für das letzte Jahr. Nun ist damit erst einmal Schluss.

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Microsoft und das Thema Browser ist so eine Geschichte, die kann man kaum erzählen, ohne sehr, sehr weit zurück zu blicken. In die Zeiten, in denen Webentwickler ihre Seiten per Hand auf den Internet Explorer angepasst hatten, welcher Möglichkeiten bot, die sich in keinem Webstandard fanden. Microsoft hatte damals mit dem IE einen ziemlich deutlichen Vorsprung technisch und in Sachen Marktanteil. Der Netscape Navigator war innerhalb relativ kurzer Zeit stark geschrumpft.

Die Weiterentwicklung des IE wurde nach der Version 6 aber irgendwie immer langsamer. Die nachfolgenden Versionen brachten wenige Änderungen und räumten auch nicht mit Altlasten auf. Diverse Firmen hatten ihre Intranet-Anwendungen auf Techniken wie ActiveX aufgesetzt, welche nun als Klotz am Bein des IE hingen. Sicherheitsprobleme kamen durch diese auch immer wieder dazu.

Mit Windows 10 hat man sich dann entschieden, einen Schnitt zu machen. Der alte IE 11 blieb für die veralteten Intranet-Anwendungen der Firmen mit an Bord. Dazu kam Microsoft Edge. Ein neuer Browser mit moderner Engine, ohne Altlasten und mit einem Konzept, welches schnelle Änderungen ermöglicht, welche im Internet notwendig sind.

Dummerweise ist die Entwicklung eines neuen Browsers auch für einen Riesenkonzern wie Microsoft keine kleine Aufgabe und offenbar dachte man sich, dass man lieber ein schnelles Release macht, als Windows 10 nur mit einem veralteten IE auszuliefern. Damit kam Edge auf den Markt und wirkte von vorne bis hinten unfertig.

Es fehlten grundlegende Features, die Bedienung war nicht angenehm, das Design sah irgendwie auch unfertig aus. Die User, die Windows 10 neu bekamen und sich vielleicht mal Edge angeschaut haben, haben diesen dann maximal genutzt, um einen anderen Browser herunterzuladen.

Ich hatte damals eine Zeit Mozilla Firefox genutzt, war irgendwann auf Google Chrome umgestiegen. Und dabei blieb es dann auch. Auch als Edge auf den Markt kam.

Mit der Zeit hat man dann in Edge nachgelegt. Die Engine im Hintergrund wurde deutlich verbessert, es kamen fehlende Funktionen und spätestens ab Windows 10 Version 1709 war Edge eigentlich auf einem recht guten Weg. Und ich hatte den Gedanken, es doch mal damit zu probieren. Also die Daten importiert, Chrome deinstalliert von allen Geräten, quasi ein harter Umstieg.

Und anfangs lief das überraschend gut. Edge brauchte deutlich weniger Ressourcen als Chrome und ernsthafte Probleme mit Webseiten konnte ich nicht feststellen. Vor allem ist Edge halt auch gleich da, ohne dass man extra etwas installieren und ggfs. noch aktuell halten muss.

Der Kleinkram, der mich noch störte, würde ja hoffentlich mit den nächsten Versionen von Windows 10 und Edge irgendwann beseitigt werden. Doch irgendwie ist man bei Microsoft falsch abgebogen. Statt Fehler zu beseitigen und Features für die große Masse einzubauen, hat man sich auf Features für Nischen konzentriert.

Natürlich hat man die Engine im Hintergrund weiter ausgebaut und Edge kann mittlerweile fast alles in Sachen HTML5, was die Webentwickler so nutzen möchten. Aber sonst?

In den letzten Versionen hat man immer wieder drauf hingewiesen, dass Edge deutlich sparsamer wäre in Sachen Akkuverbrauch. Das interessiert mich maximal dann, wenn ich tatsächlich mobil unterwegs bin und dann die ganze Zeit surfe. Was hier recht selten vorkommt. Also es ist ein schönes Feature, aber wenn man schon damit wirbt, hat man denn nichts sonst zu bieten?

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Ich habe noch nie in einem Browser mit einem Stift herummalen wollen. Ich kann mir für die große Masse der Normalnutzer zu Hause und im Büro auch keinen Grund vorstellen das zu tun. Trotzdem hat man über mehrere Versionen hinweg riesig viel in diese Richtung investiert und eine sicherlich ganz tolle “Windows Ink” Unterstützung in Edge eingebaut und dafür ordentlich geworben. Nutzt das jemand?

So sinnvolle Dinge wie im Verlauf suchen zu können, das Öffnen eines Links der nicht als Link markiert ist oder Einstellungen, die nicht völlig sinnfrei in eine schmale Leiste am rechten Rand gequetscht sind, das wäre mal was gewesen…

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Warum kann man die Einstellungen nicht auf Seitenbreite des Browsers anzeigen, anstatt diverse Unterseiten an den rechten Rand zu kleben?

Warum kann man Edge bzw. neue Tabs nicht immer mit leerer Seite starten? Es geht nicht. Selbst wenn man als Startseite “about:blank” einträgt, wird auf der ansonsten leeren Seite in einem neuen Tab ein Bereich mit zwei Links angezeigt, die für mich völlig unnötig sind.

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Ich habe doch in den Einstellungen die Möglichkeit, genau diese Optionen als Startseite zu wählen. Mache ich das nicht, sehe ich stattdessen Links zu den Dingen, die ich grad explizit abgeschaltet habe? Ehrlich Microsoft, sowas ist ziemlich trolliges Verhalten!

Die Daten von Edge wie z.B. Favoriten lassen sich bequem per Microsoft Konto synchronisieren. Dummerweise kann man dies nur, wenn das Microsoft Konto mit Windows verbunden ist. Das klappt aber seit einigen Windows 10 Versionen nicht mehr, wenn das Gerät in einer Domäne hängt. Einen AzureAD Account kann man alternativ nicht nutzen. Ja, es gibt Workarounds für die Nutzung des MSA bei Domänen-Rechnern, aber sinnvoll sind die für die Masse nicht.

Dass Nutzer einen Browser nur dann verwenden, wenn sie die Daten auch mit ihren Mobilgeräten synchronisieren können, war auch für Microsoft klar. Und nachdem man die eigene Mobilplattform abgesägt hat, entstand dort eine gewisse Leere. Also brachte man Edge für iOS und Android heraus. Unter iOS zwangsläufig mit der Safari Engine von Apple, unter Android der Einfachheit halber mit der Chrome Engine von Google.

Wer also ein Windows 10 mit Microsoft Account verwendet, sollte nun über alle möglichen Geräte Favoriten synchronisieren können. Kann man auch, aber die Erfahrung ist… nun sagen wir mal freundlich “suboptimal”. Die Synchronisation überträgt z.B. nicht, welche Einträge in der Lesezeichenleiste nur als Symbol oder als Symbol mit Text dargestellt werden. Und manchmal synchronisiert sie einfach mal alles neu, wodurch dann auf allen mit dem MS Konto verbundenen Edge Browsern alle Einträge in der Favoritenleiste wieder in der Standardeinstellung “Symbol und Text” dargestellt werden. Und man darf das auf allen Geräten wieder geradebiegen.

Mal abgesehen davon, dass bei vielen Seiten einfach kein Icon in den Favoriten angezeigt wird, sondern nur das Standard-Symbol. Obwohl das Seiten sind, die sauber ein Favicon eingebunden haben. Auch nach mehrfachem Laden nicht. Favorit wieder gelöscht, Seite neu hinzugefügt, wieder Standard-Symbol. Na gut, man lernt halt auswändig, welches Symbol an welcher Stelle was öffnet.

Noch schöner wird es, wenn man auf einem Gerät Edge startet und die Favoriten dann leer sind. Kann ja mal passieren. Eine sinnvolle Synchronisationslogik sollte sowas erkennen. Die von Microsoft natürlich nicht. Der gerade genutzte Edge hat keine Favoriten? Na dann wird das doch gleich mal auf alle Geräte synchronisiert. Wenn man mehrere Geräte nebeneinander laufen hat, kann man dann zuschauen, wie langsam überall die Favoriten verschwinden. Natürlich ist die Synchronisationsroutine aber nicht so stabil, dass sie es schafft, auch wirklich überall alles zu entfernen. Auf manchen Geräten bleiben manche Favoriten einfach mal so bestehen.

Glück hat derjenige, der vorher mit Edge Manage ein Backup gezogen hat und dieses dann zurückspielt. Damit sind alle Favoriten wieder da. Sagte ich schon, dass man dann auf allen Geräten wieder einrichten muss, dass nur Symbole und kein Text in der Favoritenleiste gezeigt werden? Für jedes einzelne Element? Nein? Dann hab ich’s jetzt gesagt.

In diversen Foren zeigte sich hier die Problematik, dass sich die automatische Rechtschreibkorrektur nicht deaktivieren ließ. Ich mag sowas nicht. Hinweise sind völlig in Ordnung, aber eine Autokorrektur, die irgendwelche Texte von mir teilweise sinnfrei verändert, die muss nicht sein. Normalerweise sollte Edge die systemweite Einstellung dazu berücksichtigen – soweit die Theorie. In der Praxis funktionierte das hier auf den meisten Seiten und mit den meisten Rechnern nicht.

Standardmäßig zeigt Edge keine Seiten an, die auf dem lokalen Rechner liegen. Aus Sicherheitsgründen angeblich. Vermutlich sind es genauso Sicherheitsgründe, dass Edge es nicht interessiert, wenn ich mit dem etwas älteren ShrewSoft VPN Client eine Verbindung ins heimische Netz aufbaue. Zumindest greift Edge nicht über die VPN Strecke auf Seiten im heimischen Netz zu, während alle anderen Browser das können. Am Ende sind mir die Gründe egal. Ich will auf meine Systeme zugreifen. Über eine VPN Verbindung. Edge kann oder will es nicht.

Und dann gibt es am Ende ja auch noch ein paar Dinge, an denen Microsoft nicht Schuld ist. Dass Youtube bei Edge fürchterlich zäh wirkt, ist alleine ein Problem von Google. Dort wird im neuen Design ein veralteter Befehl genutzt, den nur Chrome implementiert hatte. Ruft man Youtube mit dem IE auf, bekommt man ein altes Design, welches die Probleme nicht kennt. Alle anderen Browser bekommen das neue Design und lahmen dann. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Allerdings ist es bei den aktuellen Marktanteilen kein Wunder, dass die Webentwickler ihre Seiten auf Chrome anpassen. Was wir am Anfang der Geschichte umgekehrt mit dem IE hatten. Statt sauberes, standardkonformes HTML5 zu nutzen, werden spezielle Webkit- bzw. Blink-Erweiterungen verwendet. Am Ende ist das Web dann wieder nur mit einer Browser-Engine sinnvoll nutzbar. Aus der Geschichte lernen viele also nicht.

Am Ende wurde jetzt hier wieder Chrome installiert. Dessen Synchronisation von Favoriten funktioniert. Auch mit Mobilgeräten. Man kann in der History suchen. Man kann in Einstellungen suchen. Die Einstellungen sind nicht irgendwie in eine schmale Leiste geklemmt. Er zeigt Favicons sauber an. Man kann ihn besser per GPO verwalten als Edge. Und er braucht mehr Ressourcen. Damit kann ich mittlerweile bei den ganzen Vorteilen im Vergleich zu Edge leben.

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