Das iPhone wird 10–kollektiver Realitätsverlust

Vor zehn Jahren hat Steve Jobs das erste Smartphone in den Händen gehalten und damit die Welt revolutioniert!

So oder ähnlich klingen in den letzten Tagen einige Berichte, die auf die Präsentation des ersten Apple Smartphones zurückblicken. Das klingt natürlich toll und sicherlich hat Apple damals ein Produkt präsentiert, welches mit seinen Nachfolgern zu Apples Erfolg beigetragen und die Firma Apple selber verändert hat.

Oft wird allerdings dabei übersehen, dass das iPhone keine geniale Revolution darstellte und nichts von dem, was Apple damals präsentierte, wirklich neu war.

Die Tagesschau schrieb heute gar zum ersten iPhone “Das Revolutionäre: Nutzer konnten erstmals mit einem Gerät telefonieren, fotografieren und im Internet surfen.” Eigentlich erschreckend, denn mit der Realität hat das wenig zu tun. Es festigt nur den falschen Glauben vieler Leute, dass Apple das Smartphone erfunden hätte.

Wer nun wirklich das erste Smartphone gebaut hat, darüber kann man trefflich streiten. Sicher ist eines: Apple war es definitiv nicht! IBM hatte schon weit mehr als zehn Jahre vorher den Grundstein gelegt, Nokia mit seinem Communicator die Sache professionalisiert und zum Erfolg getrieben.

Und vor dem iPhone buhlten Palm mit PalmOS, Nokia mit Symbian, Microsoft mit Windows Mobile und Blackberry mit Blackberry OS um Kunden. Die entsprechenden Geräte kann man auch aus heutiger Sicht als Smartphones bezeichnen.

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So gab es schon Jahre vorher “Apps” zur Installation, hatten Kameras und Webbrowser den Weg auf die Geräte gefunden und die vier genannten Plattformen konnten allesamt über ein recht großes Ökosystem aus Programmen, Zubehör und Support verfügen.

Das erste Smartphone mit kapazitivem Display war im Jahr vor dem iPhone das LG Prada. Dass man Akkus tauschen oder Speicher durch Speicherkarten erweitern konnte, war vor dem iPhone selbstverständlich. Dass man ein Gerät erst “aktivieren” und anfangs nur mit speziellen Verträgen des Netzanbieters betreiben konnte fast undenkbar – sieht man von den Blackberry Optionen ab.

Und obwohl seit 2004 Geräte mit UMTS auf dem Markt waren, stattete Apple das erste iPhone drei Jahre später nur mit 2G Funktechnik aus. Es gab also zuerst einmal gar nicht so viel, was für das iPhone sprach.

Wo man allerdings anfangs richtig punkten konnte, war beim Preis. In Deutschland war das iPhone offiziell nur über die Telekom zu haben. Für 399 EUR konnte man es dort bekommen. Nicht einzeln, sondern als Zuzahlung zum Vertrag, der auch im mittleren, zweistelligen Betrag pro Monat angesiedelt war. Das Smartphone als Statussymbol war geboren.

Was war denn nun der Grund für Apples Erfolg? Apple war zur passenden Zeit am passenden Ort. Alle bestehenden Systeme basierten bei der Bedienung auf Konzepten, die schon einige Jahre im Markt waren. Keiner der vorhandenen Hersteller hatte vorher den Mut, einen Schnitt zu machen und bei Null zu beginnen. Apple hatte diese Chance, sie mussten ja eh fast dort anfangen. Sie fingen an und konnten auf Basis der 2007 verfügbaren Technik etwas neues konstruieren, ohne sich um bestehende Nutzer, Konzepte, Apps oder andere Dinge kümmern zu müssen. Das war dann das Glück des passenden Timings.

Die Positionierung als Statussymbol und Steve Jobs’ unnachahmliches “reality distortion field” sowie die allgemein clevere Inszenierung in den Medien und bei den Netzbetreibern brachten Apple voran. Künstliche Verknappung sowie die vorher nie gelungene Aktion, die Netzbetreiber dazu zu bringen, vor Apple zu knien und um die Erlaubnis zum Verkauf der iPhones förmlich zu betteln sind an sich alles nur Zeichen einer wirklich perfekten Marketingmaschinerie.

Jetzt, zehn Jahre später hat sich dabei nur manches geändert. Das iPhone ist heute kein Statussymbol mehr trotz weiterhin hoher Preise. Es zählt aber für viele Leute immer noch als “das Smartphone” und wie man an den Nachrichten sieht, glauben auch viele Menschen weiterhin, es wäre das erste Smartphone gewesen. Wer ein Smartphone ohne großes Vorwissen frei wählen kann, wählt immer noch oft ein iPhone. Diverse Macken von “Antennagate” bis hin zu spontanen Abschaltungen bei Kälte haben am Ruf keinesfalls kratzen können.

Der “goldene Käfig” aus Apps, Medien und neuen Apple Geräten hält auch immer noch viele Leute in ihrem Bann. Wer erst einmal hunderte oder tausende Euro in iPhone, Apps und Infrastruktur investiert hat, wird so schnell die Apple-Welt nicht verlassen.

Schaut man auf Apples Zahlen, hat man in den letzten zehn Jahren aus Firmensicht fast alles richtig gemacht. Das iPhone hat zu großen Teilen dazu beigetragen. Andere Hersteller hatten weniger Glück und ein schlechteres Timing. Und ein schlechteres Marketing.

Korrektur: Das LG Prada war nicht, wie anfangs geschrieben, ein Windows Mobile Gerät.

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