Windows auf dem Smartphone–tot oder totgeredet?

Frage: Ist Windows Phone tot?

Antwort Ja, definitiv. Der Nachfolger heißt “Windows 10 Mobile”, also ist Windows Phone tot. Winking smile

Okay, einen Artikel so anzufangen, ist vielleicht ein wenig ketzerisch und an sich ist Windows Phone auch nicht tot, denn es gibt weiterhin Support für WP 8.1.

Aber ein großes Problem von Microsoft scheint momentan zu sein, dass viele weiter zwischen Windows auf dem PC und Windows auf dem Smartphone unterscheiden und “Windows Phone” getrennt vom Rest betrachten. Aber der Reihe nach.

Abwärts

In den letzten Wochen und Monaten konnte man in den Verkaufszahlen von Smartphones einen Trend betrachten, der für Windows Smartphones deutlich nach unten zeigte. Die Verkaufszahlen von Geräten mit Windows sind weltweit vollkommen in den Keller gegangen. Sah man letztes Jahr noch teilweise zweistellige Prozentzahlen, muss man mittlerweile schon fast um die einstelligen Zahlen fürchten.

Die aktuell verfügbaren vier Lumia Modelle werden wohl nur in homöopathischen Dosen verkauft und Erfolge sieht man bei den Zahlen quasi nirgendwo mehr.

Diverse Webseiten und Blogger nehmen diese Zahlen genüsslich auseinander und bringen natürlich auch jede News darüber, wenn irgendein Unternehmen seine Windows App einstellt – egal welche Relevanz dieses Unternehmen nun hatte.

Die hämischen Kommentare von Apple Usern wirken daneben noch eher belustigend, geht der iOS Marktanteil doch selber grad deutlich nach unten – allerdings natürlich immer noch auf einem anderen Level. Googles Android kannibalisiert den Markt unaufhaltsam.

Was passiert denn da gerade mit Windows auf dem Smartphone? Microsoft hat zwei Dinge bekanntgegeben. Einerseits, dass in diesem Jahr Smartphones keine Priorität haben und andererseits, dass man natürlich Windows 10 Mobile weiterentwickelt.

Nun ist das keine Beerdigung, aber die Prioritäten so zu setzen, klingt schon etwas seltsam, für ein Unternehmen, dass ständig das Mantra “mobile first, cloud first” vor sich her trägt. Man sollte also an sich schon erwarten, dass hier das eigene System eine gewisse Priorität darstellen würde.

Die Software-Zukunft

Und genau da kommen wir zum interessanten Punkt, den ich oben angerissen hatte: es gibt ja nun mittlerweile kein eigenständiges System “Windows Phone” mehr. Was aktuell weiterentwickelt wird, ist einfach nur “Windows 10”. Die Entwicklung läuft nicht etwa getrennt ab, sondern es wird ein System entwickelt, was auf Displays mit 4” genauso läuft wie auf Displays mit 80”.

Es gibt wenig Gründe, warum Microsoft hier spontan bestimmte Geräte ausschließen sollte. Die Entwicklungskosten dürften nicht signifikant sinken, wenn man keine Mobile Version mehr anbieten würde. Insofern liegt die Priorität weiter bei Windows 10 als Plattform – und das schließt natürlich mobile Geräte ein.

Die Apps sind ebenfalls universal. Eine App, die für Windows 10 entwickelt wird, läuft auf Windows 10 – egal ob 4” oder 80”. Und zumindest auf PC, Notebook und Convertibles gibt es momentan rund 300 Mio. Windows 10 Nutzer. Dafür sollte sich auch App-Entwicklung lohnen. Eine Windows 10 Mobile Version abzuschaffen würde auch hier nichts bringen, denn warum sollten Firmen eine App entwickeln, die dann doch nur auf herkömmlichen PCs liefe?

Wen hat man als User denn nun verloren und wohin will man?

Microsoft will Windows 10 – insbesondere die Mobile Variante – mehr als System für Business-User etablieren und hat dank des großen Android Erfolgs die Privat-User momentan eher abgeschrieben. Der Privatuser will einfach nur Apps und zwar Massen davon, immer die allerneuesten und das sofort. Das sieht im Business-Umfeld anders aus. Und genau darauf stützt man sich nun.

Verwaltbarkeit, die Anbindung an die (eigenen) Business-Anwendungen, das sind die Themen, die dort gerade auf der Agenda stehen. Man ist groß bei Themen wie Office oder den Cloud Anwendungen und es ist dem Unternehmen relativ egal, mit welchen Endgeräten der Nutzer drauf zugreift.

Den Privatuser und die Entwickler, die dafür Apps entwickeln, konnte man bisher kaum erreichen und nicht nachhaltig begeistern, also versucht man es jetzt auch nicht mehr wirklich.

Die Hardware-Zukunft

Man hat es mit den Surface Geräten vorgemacht: wenige Geräte, die allgemein zeigen, was mit der Plattform Windows alles möglich ist und die den sonstigen Herstellern als Ideengeber dienen. Und schon begründet man eine neue Geräteklasse und hat damit tatsächlich Erfolg.

In diese Richtung werden sicherlich auch die Smartphones gehen. Als einzelner Hersteller kam Microsoft auch mit dutzenden Smartphone Modellen nicht gegen die Android Übermacht an, egal wie gut oder günstig die Geräte waren. Man wird in Zukunft also auch eher den Weg gehen, nur ein kleines Portfolio an eigenen Geräten zu produzieren, wobei dies auch eher High-End-Geräte sein dürften. Und der Rest wird dann auch den weiteren Herstellern überlassen.

Ob das funktionieren wird, wird sich zeigen. Momentan sieht es noch nicht danach aus. Wie viele neue Windows 10 Mobile Geräte sind von anderen Herstellern als Microsoft verfügbar oder angekündigt? HP und Acer fallen da momentan ein, ein paar kleine Hersteller noch und dann kommt lange nichts. Würde ein “Surface Phone” dies jetzt merklich ändern? Würden wirklich Leute alleine wegen traumhafter Hardware auf Windows auf dem Smartphone setzen?

Das Risiko

Meines Erachtens geht Microsoft da zur Zeit ein extrem großes Risiko ein. Man erwartet, dass man das Business-Umfeld weiter als eigene Domäne halten kann, selbst wenn man den Normalanwender als Kunden verliert. Das klappt meiner Meinung nach nicht.

Wie sind Android und iOS denn in den Markt gekommen? Über den Normalanwender. Wer drängt ins Business? Apple vehement und Google kaum weniger. Und was kauft der Business-User? Das, was er als Normalanwender kennt.

Und warum sollte der Android Anwender dann die Microsoft Business Apps nutzen? Immer mehr Leute nutzen dann gleich das, was Google an Cloud Funktionen bietet. In den meisten Ländern wird das Thema Datenschutz lange nicht so hoch gehängt wie in Deutschland.

Man hat in den letzten Jahren einige interessante Features bei Smartphones auf den Markt gebracht, die schnell von der Konkurrenz übernommen wurden. Überall dort, wo die Lumia Handys führend waren, hat die Konkurrenz nachgezogen und oft überholt. Alleinstellungsmerkmale blieben nur wenige.

Man hing allerdings auch bei vielen Dingen lange hinterher. Dinge, die auf anderen Plattformen selbstverständlich sind, kamen erst verzögert oder bisher gar nicht. Ob sich die “Auszeit”, in der Microsoft die Smartphones nicht als Priorität setzt, da gut macht?

Dass man nicht das Sicherheits-Fiasko wie bei Android haben muss und trotzdem die Leute nicht völlig in einen golden Käfig zwingt wie bei Apple, hebt die Plattform zwar angenehm ab. Allerdings fühlen sich die Apple User in ihrem goldenen Käfig ja ganz wohl und die meisten Android User interessieren sich nicht die Bohne für ihre Sicherheit. Wo soll man dagegen punkten?

Fazit

Windows auf dem Smartphone ist nicht tot. Es wird momentan mehr totgeredet. Allerdings ist es möglich, dass das System zum “Zombie” in der Nische wird. Und Zombies existieren halt nur so lange, bis ihnen jemand den Kopf abschlägt.

Zwei Dinge halten Windows 10 Mobile momentan am Leben: Universal Apps und der Wille Microsofts.

Die Vorteile einer Universal App muss Microsoft den Entwicklern aber noch deutlich schmackhafter machen, denn viele Entwickler scheinen immer noch nicht verstanden zu haben, dass man mit einer App die komplette Plattform erreichen kann. Hier wird auf die mobilen Verkaufszahlen geschaut und nicht auf die Verbreitung der Plattform insgesamt. In den USA haben dies einige große Firmen verstanden und neue UWP Apps für Windows herausgebracht.

Und Microsoft hat beispielsweise bei der Xbox gezeigt, dass man einen langen Atem hat, wenn sich Erfolg nicht sofort einstellt. Das sollte man allerdings nicht durch Aussagen konterkarieren, die etwas anderes andeuten könnten.

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3 Antworten zu Windows auf dem Smartphone–tot oder totgeredet?

  1. Sinhuber schreibt:

    Vielen Dank für die profunde und hochinteressante Analyse.

  2. Gärtnerfreundlich schreibt:

    Windows 10 Mobile wird wohl auch das zeitliche Segnen. Microsoft hat die Entwicklung von Skype für Windows 10 Mobile eingestellt. Das war mein Grund für die Entscheidung für ein Blackberry, aber auch das war kein Goldgriff (siehe HP Link)

    • Ingo schreibt:

      Da hast du wohl was falsch verstanden. Microsoft hat gerade einen komplett neuen Client als UWP App für Windows 10 inkl. Windows 10 Mobile rausgebracht.
      Nur für die alten Windows Phone 8.x Geräte wird es keinen neuen Skype Client geben.

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