Von der Odyssee, ein kostenloses Programm zu installieren…

Schon wieder ein Blog-Artikel – keine Angst, ich werde nicht zum täglichen Vielschreiber. Es bleibt bei sporadischen Artikeln, selbst wenn das heißt, dass auch mal mehrere Artikel kurz nacheinander kommen.

Wer aktuell nach irgendeiner kostenlosen Software sucht und diese nicht über irgendeinen Store installiert, sucht vermutlich bei einer der Suchmaschinen. Eine MP3 Datei zuschneiden, da gibt’s doch bestimmt ein Tool dafür. Und kostenlos wäre auch schön. Natürlich, gibt es! Dutzendfach!

Je nachdem wie man sucht und wo man sucht, stehen in den Ergebnissen sehr oft Links zu den Downloadseiten von CHIP oder Computerbild an erster Stelle. Bekannte Namen, bei denen wohl viele erwarten, nicht übers Ohr gehauen zu werden und keinen Unsinn herunterzuladen.

Nun, die Erwartung wird leider in diesem Fall enttäuscht. Der Google Link zum CHIP Download sieht zuerst noch ganz vielversprechend aus.

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Genau das gesuchte Programm, die CHIP Redaktion verfasst dazu eine kurze Beschreibung, hat es also offensichtlich selber ausprobiert. Die User vergeben drei von fünf Sternen…naja, keine Glanzleistung, aber hey, immerhin ist es “Free”.

chip02

Und sicher ist es auch, man lädt es nämlich mit dem sicheren CHIP-Installer herunter. Warum dies jetzt sicherer sein soll als die manuelle Installation, verrät niemand. Den Link zum CHIP-Installer findet man mehrfach, den zur manuellen Installation einmal klein unten. Nun, dann ist der CHIP Installer bestimmt ganz toll.

Ganz am Ende des Artikels findet sich dann doch dieser Hinweis:chip03

Ahja. Also der CHIP-Installer selber ist sicher, aber das eigentliche Tool ist es nicht so ganz. Also merken: “Decline” klicken.

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Das ist zuerst noch der CHIP-Installer. Der zeigt einen Link zu seinen Nutzungsbedingungen. Liest eh niemand. Also Weiter geklickt.

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Jetzt kann man nicht weiter klicken, sondern muss auswählen, ob man erschaffen, kämpfen und herrschen möchte. Oder halt Weiter klicken, was man erst nach der Auswahl darf, ob man nun spielen möchte oder nicht. Wollen wir nicht.

Nun ja, damit ist dann auch klar, wofür CHIP dem Nutzer einen CHIP-Installer nahelegt: man verdient mit solchen Anzeigen Geld. Zusätzlich zu denen, die die ganze Webseite pflastern.

Nun wird’s ja dann wohl mal mit der Installation losgehen. Nun…fast…

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…wenn man denn gefragt wurde, ob man nicht einen Amazon Link auf den Desktop haben möchte. Warum sollte man das wollen? “amazon.de” zu tippen ist nicht schwer. Auch die Antwort ist natürlich, dass CHIP damit Geld verdient. Schlimm ist das nicht, mit dem Klick auf diesen Amazon Link verdiene ich auch nicht wirklich was. Schade ist nur, dass man so tut, als wäre der CHIP-Installer jetzt sicherer. Aber mit Sicherheit hat das bisher noch nichts zu tun.

Hier im Dialog findet sich dann auch kein Weiter mehr, sondern man darf endlich die Installation starten oder einfach den Download. Also quasi das, was sich klein und versteckt als “Manueller Download” auf der Webseite fand.

Also starten wir die Installation, die auch sofort losgeht…

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…nachdem wir noch eine Anzeige weggeklickt haben! Diesmal für eine Software, die Bloglesern ausgesprochen bekannt vorkommen dürfte. Die wütenden Kommentare betrogener User füllen die Kommentarspalten unter dem Reimage Artikel. Man kann sich so etwas gar nicht ausdenken. Aber sicher soll er ja sein, der CHIP-Installer.

Es startet nun endlich die eigentliche Installation. Also genau genommen startet ein Installer, der das eigentliche Programm herunterlädt und dann startet die Installation.

fmp305 fmp306

Da kommt dann der übliche Installer mit dem freundlichen, englischen Text, den wieder keiner liest. In dem Text steht vieles drin über eine “InstallMonetizer” Software. Monetizer….? Moneten…? Wer gut aufgepasst hat, erinnert sich an die CHIP Warnung und man möge irgendwo “Decline” drücken. Hier gibts noch kein “Decline” und um überhaupt weiter zu kommen, akzeptieren wir natürlich alles und klicken Next, wir wollen ja schließlich endlich die Software installieren.

Es folgen die üblichen Abfragen des gewünschten Installationsortes, des Ordners im Startmenü, falls gewünscht und ob Icons auf dem Desktop und im Schnellstart angelegt werden sollen. Und dann kommt das:

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Da steht was von “Ad” und da steht was von irgendeiner Software, die ich gar nicht installieren wollte. Und der Cancel Button ist ausgegraut. Also bleibt ja nur Next zu klicken. Und dann folgt der selbe Dialog. Nur diesmal für eine WebSearches Software. Ebenfalls mit ausgegrautem Button. Und noch mal. Und noch einmal. Insgesamt vier Lizenzverträge darf man abnicken und kann nichts dagegen tun. Das ist doch eindeutig illegal! Oder?

Nun, die Programmierer solcher Software sind nicht dumm und bewegen sich immer in der Grauzone, hart an der Grenze zwischen “unschön, aber legal” und “eindeutig illegal”.

Die Auflösung in diesem Fall ist so dämlich wie dreist, wenn man das Fenster etwas verschiebt:

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Wir sehen gar nicht den eigentlichen Programm-Installer mehr! Wir sehen ein Fenster, welches exakt so groß ist wie das des Installers und sich vor den Installer gelegt hat. Und nun kommt die Frechheit, die einen nur noch den Kopf schütteln lässt:

Der ausgegraute Cancel Button lässt sich klicken!

Und dann wird tatsächlich die jeweilige Adware ganz brav nicht installiert. Klickt man vier Mal hintereinander einen Cancel Button, der so aussieht, als wäre er nicht klickbar, ist alles in Ordnung.

Es ist damit den Vorgaben – z.B. denen von Microsoft für die Verschonung vor Aufnahme in die Virensignaturen – Genüge getan: man hat einen Cancel Button und könnte ja abbrechen. Also ist die Installation doch völlig legal, denn der User hat ja der Installation zugestimmt. So in etwa muss wohl die Argumentation der Verbr…ähm…Entwickler sein.

Ist man ein normaler Mensch, der nicht von vornherein weiß, dass bei diesem Installer seltsame Dinge vorgehen, klickt man auf Next, weil man ganz offensichtlich nichts anderes klicken kann.

Das Ergebnis sieht dann so aus:

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Neben dem eigentlichen Programm wurden fünf weitere Programme installiert. “OptimizerPro” startet auch sogleich, scannt angeblich den PC und meldet innerhalb von Sekunden, was denn alles repariert, gesäubert, verbessert und verschönert würde, wenn man sich denn nur sofort registrieren würde.

Im Browser taucht “MyStartSearch” auf und leitet Suchanfragen um. Ich hab auch nach mehrfachem Lesen der Info zu “Health Alert” nicht herausfinden können, was dieser Müll angeblich machen soll und wozu es deswegen auf meinem Rechner laufen und in meinem Browser rumhängen muss.

Der eigentliche MP3 Editor ist dann unspektakulär. Ein kleines Programm, schnell um ein paar Opensource Bibliotheken herum gestrickt. Kaum 5 MB groß. Liefe auch ohne Installation. Also relativ eindeutig nur dazu gebaut, um die Leute zur Installation der Massen an Werbesoftware zu verführen.

Ach ja: erinnert sich noch jemand an den Hinweis von oben? An den “Decline” Button? Hat den irgendjemand irgendwo gesehen? Ich nicht. Die CHIP Leute haben ihn vermutlich irgendwann wirklich mal gesehen. Aber dummerweise bieten sie nicht das eigentliche Programm “Free MP3 Cutter and Editor” an, sondern ihr CHIP-Installer lädt eben wieder nur einen kleinen Installer. Das eigentliche Programm wird erst weit später heruntergeladen – und dessen Setup kann natürlich jederzeit beliebig verändert werden, so dass gut gemeinte Hinweise ins Leere laufen.

Genauso wird die Installation mit dem ausgegrauten Cancel Knopf vermutlich nicht ewig so bleiben und es kann sein, dass morgen bei einer testweisen Installation ganz andere Schrott-Software mit ganz anderen Installern im Beifang kommt. CHIP kann das kaum überprüfen.

Die Deinstallation des Mülls ist genauso unschön wie nervig. So wird von mindestens einem der Programme bei der Deinstallation ein Captcha abgefragt – der Text scheint immer gleich zu sein – und die Deinstallation wird grundsätzlich erst einmal mit einer angeblichen Falscheingabe abgelehnt. Beim zweiten Versuch klappt’s dann.

In meinem Fall habe ich den PC hinterher frisch installiert, es handelte sich nur um eine Test-Installation und die Windows Installation erfordert hier genau drei Tastendrücke. Wer die Chance nicht hat, wird mit Tools wie dem Adwcleaner fündig und kann den Müll aus dem System fischen.

Den Adwcleaner lädt man dann aber von einer vertrauenswürdigen Seite herunter. Also dort, wo die Entwickler ihn direkt zum Download anbieten.

Falls man ein Tool zum Beschneiden von MP3s sucht, wird man bei Audacity oder mp3DirectCut fündig und lädt diese natürlich ebenfalls auf den offiziellen Seiten der Entwickler herunter.

Und nirgendwo sonst! Ganz bestimmt nicht bei CHIP!

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3 Antworten zu Von der Odyssee, ein kostenloses Programm zu installieren…

  1. Martin schreibt:

    Danke für die Zusammenfassung.

  2. Gilena schreibt:

    Endlich sagt mal einer, was mich schon lange ärgert. Ich habe den Newsletter von Chip abgemeldet. Gilena

  3. Dekre schreibt:

    Auch mein Dank für die sehr gute Analyse. Außer Heise.de sind alle Internetportale von (deutschen) PC-Zeitschriften mit diesem Müll verseucht. Ganz schlimm ist auch PCWelt. Ein sehr gutes Downloadportal ist filepony.de. Dort wird eine gute Übersicht gegeben,was es alles so gibt. Ich möchte ergänezd auch auf die gute trojaner-board.de Seite verweisen, dort auf anleitung.trojaner-board.de.
    Viele Grüße

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