Tschüss, grüne Idylle!

Nun ist der Termin da, der in den letzten Wochen die IT Fachpresse beschäftigt hat: der 8. April 2014, der letzte Microsoft Patch Day, an dem Sicherheitslücken in Windows XP gestopft werden.

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Im Oktober 2001 kam Windows XP auf den Markt, als lange erwartete Zusammenführung der professionellen NT Schiene und dem noch auf DOS basierenden Home Versionen. Und auch wenn manch einer heute mit vielleicht etwas verklärtem Blick zurück schaut, war es nicht von Anfang an so geliebt, wie manch einer das heute behauptet.

Das neue, bunte Design kam lange nicht bei allen Usern an. Man schimpfte wegen im Vergleich zu Windows 2000 gestiegenen Hardware-Anforderungen und die Umsteiger aus Richtung Windows 98 fluchten über vielfach nicht mehr kompatible Hardware. Scheinbar aus purer Bosheit hatte Microsoft Funktionen neu angeordnet oder die Kompatibilität verschlechtert – zumindest klang das damals so. Das Ende der Freiheit wurde ebenfalls bedroht, Microsoft führte den Zwang zu einer Aktivierung ein – online oder per Telefon. Die Meinungen kochten hoch, das System würde ständig nach Hause telefonieren und alles an seinen Hersteller melden. Mit der Sicherheit haperte es aber auch mit Windows XP noch. Der bei der Installation angelegte Benutzer ist Administrator mit allen Rechten, weitere Benutzer werden nicht angelegt und das Arbeiten ohne Adminrechte ist umständlich. Die Stabilität ließ auch teilweise zu wünschen übrig.

Erst das zweite Servicepack legte dann in Sachen Sicherheit nach – nachdem Bill Gates bei Microsoft wohl kräftig auf den Tisch hauen musste. Während man parallel schon am Nachfolger von XP (“Windows Longhorn”) arbeitete, bröselte die Sicherheit bei XP kräftig und angeblich mussten einige der Programmierer, die an sich schon an Longhorn gearbeitet haben, doch noch bei XP ran und eben jenes Servicepack 2 herausbringen, welches einiges an XP umbauen sollte. Sicherheit als Standard war die neue Marschrichtung. Und auch an der Longhorn Entwicklung ging das nicht spurlos vorbei. Die Zeit, die man zusätzlich an XP arbeiten musste, warf die Arbeit an Longhorn zurück. Das Thema Sicherheit machte einen viel größeren Schritt notwendig, als man ihn eigentlich geplant hatte. Und die Zeit lief…

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Bei einem Releasewechsel macht normalerweise nicht jeder mit. Gerade Firmen überspringen mal eine Windows Version und aktualisieren erst zur nächsten Version wieder. Diejenigen Firmen, die mit Windows 2000 zufrieden waren, hatten vermutlich größtenteils gar nicht geplant, auf XP umzusteigen, sondern warteten auf einen Nachfolger. Nachdem dieser weiter auf sich warten ließ, liefen dann doch mehr und mehr Migrationen hin zu Windows XP. Und das zu einem Zeitpunkt, als eigentlich schon längst eben jener Nachfolger auf dem Markt sein sollte. Während man früher gerade bei den Firmen meist ein Gemisch aus verschiedenen Vorgängerversionen von Windows hatte, migrierte quasi jede Firma, die überhaupt Windows genutzt hat, zu XP. Der Anteil der kurz vor dem Erscheinen von Windows Vista installierten Windows XP Systeme dürfte gigantisch gewesen sein – die Vorgänger waren quasi ausgestorben.

Während der Schritt von 2000 zu XP technisch eigentlich eher klein war, stellte dann das schon deutlich verspätet kommende Vista einen anderen Ansatz dar. Das Thema Sicherheit hatte man endlich von Anfang an ernstgenommen, viele Benutzer, Programmierer und insbesondere die Hardwarehersteller aber damit wohl überfordert. Neue und vor allem stabile Treiber, insbesondere für Grafikkarten, Scanner und vor allem die jetzt standardmäßig mit angebotene 64-bit Version waren schlecht verfügbar.

Und diejenigen, die zum XP Start noch darüber geflucht hatten, waren mittlerweile nun doch umgestiegen und sahen jetzt eben Vista kritisch. Vielfach sicherlich zu unrecht, manchmal auch berechtigt. Mit dem Aufkommen der Netbooks musste man feststellen, dass deren typische Ausstattung knapp an der Grenze dessen war, ab der man mit Vista gut arbeiten kann. XP, welches ursprünglich mal auf Systemen mit 128 MB Ram angefangen war, war schlicht besser für die kleinen Prozessoren mit wenig Speicher geeignet.
Auch Firmen, die erst spät zu XP migriert hatten, sahen sicherlich keinen Grund, nun schon wieder auf einen Nachfolger umzusteigen. Die Zeichen für Vista standen also sowieso schlecht. Schlechte Presse, viele zufriedene XP User und viele gerade migrierte Firmen.

Nachdem man mit Vista relativ viele Neuerungen umgesetzt hatte, konnte man auf diese Basis setzen und mit Feintuning und einigen weiteren Verbesserungen relativ schnell Windows 7 hinterher schieben, welches sich an vielen Stellen einfach schneller und “runder” anfühlt als Vista. Und scheinbar war dann auch wieder die Zeit da, dass eine ganze Menge Privatnutzer und Firmen auf Windows 7 umstiegen – aber eben lange nicht alle.

In den letzten Jahren entwickelten sich verschiedene Dinge dann ganz anders, als in den Jahren zuvor. Während man früher ständig neue PCs kaufte, weil die neue Software nicht mehr auf den alten Systemen laufen konnte, von 16 auf 32-bit Prozessoren umstieg, diverse DOS und Windows Versionen in relativ kurzer Zeit erlebte, erreichte man nun einen Punkt, an dem die Hardware schlicht schnell genug war. Die Systemanforderungen der neuen Software – Spiele mal ausgenommen – stiegen nicht mehr so stark. Die Anforderungen von Windows Vista und Windows 8.1 unterscheiden sich nur in Details.

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Das Notebook vom Screenshot feiert nun auch schon fast sein Zehnjähriges und Windows 7 läuft immer noch drauf – und das ganz ordentlich. Wenn nun aber die Anforderungen für neue Hardware gar nicht so groß stiegen und dank der riesigen Marktpräsenz von XP quasi alles immer noch mit XP läuft, warum dann überhaupt umsteigen? Warum einen neuen PC oder ein neues Betriebssystem kaufen? Es läuft doch!?

Nun, technisch ist XP vollkommen veraltet. Eigentlich ist es auch ein Hemmschuh für weiteren Fortschritt, da viele Software immer noch Routinen speziell für XP mitschleppen muss. Diverse neueren Techniken müssen erst nachgerüstet werden, wenn überhaupt möglich. Die Angriffsszenarien für PCs, die am Internet hängen, sahen zu Zeiten der Windows XP Entwicklung noch völlig anders aus. Wie große Änderungen im System das notwendig machte, sieht man eben an jenen Schritten zu Windows Vista und 7. Die neueren Windows Versionen haben immer mehr Schutztechniken, bieten durchweg vom Design her mehr Sicherheit und machen es dem Benutzer auch einfacher, sich sicher zu verhalten.

Nun also, knappe 13 Jahre nach dem Erscheinen von XP, ist es wirklich Zeit, sich davon zu verabschieden. XP war lange auf dem Markt, hatte großen Erfolg, ist für viele Jüngere vermutlich das erste Betriebssystem überhaupt gewesen, lief überall auf der Welt und selbst im All und ist nun am Ende seines Weges angekommen.

Tschüß, grüne Idylle. Es wird Zeit für dich zu gehen…

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5 Antworten zu Tschüss, grüne Idylle!

  1. Steffen Koch schreibt:

    Auch wenn deine Artikel sehr sporadisch kommen, lese ich immer wieder gerne hier im Blog. Also Daumen hoch. 🙂

    • Ingo schreibt:

      Danke für das Lob, freut mich.

      Wenn die Zeit es erlaubt und die Themen da sind, dann soll es auch nicht ganz so sporadisch sein… 😉

      • Steffen Koch schreibt:

        Genau! Wenn die Themen da sind. Es gibt schon zu viele Blogs die sich mit Kram, Müll und Selbstbeweihräucherung am Leben halten.

  2. 3-plus-1 schreibt:

    Wenn ich mich so zurück erinnere, war alles von Microsoft immer Dreck und rückständig im Gegensatz zu den Optionen der Konkurrenz … bis dann der eine, lichte Moment kam:

    Frühjahr 1997.

    Für einen kurzen Moment in der Geschichte gab es das beste (stabil) und kompatibelste (Einführung von DirectX3) Desktop-Betriebssystem tatsächlich von Microsoft (gegenüber jeder Konkurrenz zu der Zeit!). Es war Windows NT 4.0 Service Pack 3.

    Leider verlosch das Licht dann wieder, weil Microsoft neue Entwicklungen, wie die Unterstützung von USB oder AGP dann erst mal Windows 98 (in den OSRs) vorenthielt. Windows 2000 zielte danach wieder nur auf Business-Anwender und die Trennung Privat-Business blieb mit der parallelen Veröffentlichung von ME (instabil, im DOS unsinnig beschränkt) den Firmenkunden vorenthalten.

    Daher war für mich Windows XP so ein Fest: Endlich die NT-Errungenschaften für alle Anwender! Heute ist das ja fast vergessen, aber davor war es eben nicht selbstverständlich, dass ein PC sich nicht ständig komplett aufgehängt hat. Stabilität kam doch auf den Heimanwender-Desktop erst mit Windows XP (oder bei Apple mit Mac OS X 10.3).

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