Überschriften und Realität–wie man ein Produkt schlechtschreibt

Manch ein Autor scheint es heute als Notwendigkeit anzusehen, sich knallige Überschriften auszudenken, damit möglichst viele Leser den Beitrag anklicken – und Klicks sind ja bekanntlich Werbeeinnahmen.

Andere scheinen sich nicht sicher zu sein, ob sie Überschriften selber schreiben wollen und so wirkt manch eine Überschrift, als hätte sie jemand geschrieben, der den eigentlichen Artikel nur überflogen hat.

Anders lässt sich auch ein Artikel nicht erklären, der heute bei Golem.de erschien:

Lumia 1020 im Test – Mäßige Digitalkamera zum Telefonieren

Eigentlich ist Golem.de mir als recht ausgewogenes Magazin bekannt. Man schaut nicht nur durch die Apple-Brille (wie z.B. bei SpOn das oft passiert) und schreibt ausführlich und genau über Produkte.

Hier wird nun über das Nokia Lumia 1020 berichtet und schon die Überschrift suggeriert, dass dessen Kamerafunktionen eben nur mäßig sind. In Suchmaschinen und News-Aggregatoren taucht nun diese Überschrift auf und jemand, der sich mit dem Thema nicht befasst und den Artikel nicht liest, wird genau diese Überschrift im Kopf behalten.

Auch im Artikel selber wird manches im Unklaren gelassen. Bei normaler Nutzung hält der Akku angeblich acht Stunden. Was ist denn bitte hier “normale Nutzung”? Andere Handys in dieser Klasse laufen bei meiner normalen Nutzung zwei bis drei Tage, bevor sie ans Ladekabel müssen.

Die Benchmarks werden mangels der Verfügbarkeit von “Geekbench” mit dem Octane Benchmark durchgeführt, wo das Lumia 1020 nur mittelmäßig abschneidet. Dass der Octane Benchmark aus dem Hause Google kommt, verschweigt man. Man hätte auch z.B. den Sunspider Benchmark verwenden können, wo das Lumia 1020 ähnliche Werte wie ein Samsung Galaxy S4 erreicht – allerdings mit der Hälfte der CPU Kerne.

Die Kamera wird mit einer Digitalen Kleinbildkamera von Samsung aus der 200 EUR Klasse sowie einer Profi DSLR von Canon verglichen. Natürlich hat eine Smartphone Kamera da keine Chance. Dass das 1020 einen mechanischen, optischen Bildstabilisator nutzt – bei Smartphones außer von Nokia eher selten anzutreffen – wird im Artikel gleich ganz verschwiegen.

Auf zusätzliche Effekte hat man angeblich in der Kamera-App verzichtet, schreibt Golem.de außerdem. Nein, hat man nicht. Der Autor hat nur übersehen, dass Nokia zwei Kamera-Apps anbietet – beide mit einem bestimmten Featureumfang – und in der SmartCam App auch Spielereien mit Effekten eingebaut sind.

Ehrlich wird man dann erst im Fazit:

“Tatsächlich sind die mit dem Lumia 1020 aufgenommenen Fotos besser als die anderer Smartphones.”

Oder um es anders zu formulieren: das Nokia Lumia 1020 hat die beste zur Zeit auf dem Markt verfügbare Digitalkamera überhaupt in einem Smartphone.

Wenn man das in einem “Test” feststellt, sollte man dafür keine Überschrift verwenden, die das Gegenteil vermuten lässt!

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2 Antworten zu Überschriften und Realität–wie man ein Produkt schlechtschreibt

  1. David Neuer schreibt:

    Was soll an dem Golem-Artikel nicht verständlich sein? Ich lese viel Kritik, werde aber auch den Gedanken nicht los, dass viele Nutzer das Lumia 1020 völlig überbewerten. Es ist immer noch eine Handykamera, die nicht mit Kompaktkameras mithalten kann. 41 Megapixel bedeuten lediglich größeres Bild, aber nicht automatisch bessere Bildqualität.

    Es gibt viele Beispielbilder, an denen man die Bildqualität des Lumia bewerten kann. Meiner Meinung nach, ist es schon berechtigt, die Qualität als mäßig zu bezeichnen, wenn man das Lumia mit deutlich überlegenen Digitalkameras vergleicht. Mit solchen Vergleichen tun sich die Lumia-Nutzer auch selbst keinen Gefallen, wenn sie meinen, damit gar Profi-DSLRs preisgünstig ersetzen zu müssen.

    • Ingo schreibt:

      Du fasst meine Kritik perfekt zusammen: man vergleicht mit leistungsfähigen DSLRs und bezeichnet die Handycam dann als „mäßig“. Das ist ja auch völlig richtig. Es ist nur falsch, in der Überschrift dann von einem Handy mit mäßiger Cam zu schreiben, wenn aus der Überschrift noch gar nicht hervor geht, dass man eben mit DSLRs vergleicht.

      Für ein Handy ist die Cam momentan mit Abstand die beste, die man bekommen kann. Und dass sie keine DSLR schlägt, ist logisch. Aber viele Leute werden wohl die kompakte, kleine Digicam in Zukunft noch eher zu Hause lassen und stattdessen solch ein Smartphone mitnehmen.

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